Konstantin Wecker in Elmshorn 2021, persönlicher Konzertbericht

Gestern war ich beim Wecker-Konzert im Rahmen des SHMF und schildere meine persönlichen Eindrücke fürs Forum.

Konstantin Wecker ist ein deutscher Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler und Autor. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher. Wecker engagierte sich in all den Jahren seiner künstlerischen Karriere auch politisch. Seine bekannte Ballade Willy behandelt die Konfrontation der 68er-Bewegung mit rechtem Gedankengut. Trotz seines seit den 1970er anhaltenden politischen Engagements war Wecker nie Mitglied in einer Partei und möchte sich nicht parteipolitisch festlegen lassen, weil er das als eine Einschränkung empfinden würde. Er setzt sich in seinen Konzerten und in vielen seiner Lieder für eine gewaltfreie und sozialere Gesellschaft ein, auch Bewegungen wie Fridays for Future werden von ihm unterstützt, er grenzt sich politisch klar und deutlich gegen rechtes Gedankengut ab.
Forumsregeln
Gäste können in diesem Forum nur einen Teil des jeweils ersten Beitrags eines Themas lesen.
Benutzeravatar
Viktor hat dieses Thema gestartet
Beiträge: 632
Registriert: Do 28. Apr 2005, 16:15
Hat sich bedankt: 36 Mal
Danksagung erhalten: 36 Mal
Kontaktdaten:
Aug 2021 27 23:30

Konstantin Wecker in Elmshorn 2021, persönlicher Konzertbericht

Beitrag von Viktor

#1

Hallo liebes Forum,

normalerweise besuche ich jährlich 1-2 Wecker-Konzerte, aber fast zwei Jahren lang hatte ich – man könnte fast meinen, es gäbe irgendwelche Hindernisse in letzter Zeit ;-) – eine Durststrecke, die gestern endlich durchbrochen wurde.
Es folgen ein paar persönliche Eindrücke vom gestrigen Auftritt in Trio-Besetzung beim Schleswig-Holstein Musikfestival. Lesenswert wird’s wahrscheinlich eher für Kenner*innen weckerscher Musik und Konzerte, denn worüber Konstantin so singt, wie gut seine Mitmusiker sind, was er für eine Ausstrahlung hat, all das und ähnliches will ich nicht obligatorisch bequatschen wie ein Zeitungsbericht, sondern mich stattdessen auf die kleinen Besonderheiten fixieren.

Location und Organisation
Das Konzert fand auf der Trabrennbahn in Elmshorn statt – normalerweise gibt es Konzerte in der Reithalle, aber Open Air schien den Veranstaltern vielleicht sicherer. Der Plan ging auf, immerhin konnte das Kontingent mehrmals mit Okay aus der Politik erhöht werden, Maskenpflicht oder 3G-Check gab es auch nicht.
Allerdings standen die Plätze halbwegs auf Abstand und wurden fast nur als 2er-Paare verkauft, was für ungerade Besuchergruppen ja nicht so toll ist. (Unser sinnlos gekauftes Ticket blieb Rucksackhalter.)
Und: Das Konzert sollte ohne Pause sein. Von diesem Ansatz hörte ich 2020 manchmal für Indoor-Konzerte, aber ob es hier jetzt auch zum Hygienekonzept gehörte oder andere Gründe hatte, das weiß ich nicht. Hätte eine Pause mehr Kontakte mit Fremden bereitet? Ich nehme mal vorweg, dass in den Zugaben Leuten zu Menschentrauben an die Bühne kamen - und das wurde auch nicht unterbunden, insofern wittere ich Inkonsequenz...
Aber eine tolle Kuriosität: In Theatern habe ich ja schon Sektbegrüßung im Foyer oder bei kleinen Konzerten Kellner mit belegte Broten in der Pause erlebt, aber hier beim Konzert gab es nun ein verpflegerisches Novum für mich, nämlich geschenkte Äpfel und Wasserflaschen am Einlass, auch nicht schlecht.

Die Bühne war erstaunlich klein, und die Sitzreihen arg in die Breite gehend angelegt, eine schlechte Kombination; das Ergebnis: Weit außen sah man schlecht. Aus unserer Perspektive war Fany Kammerlander nie spielend zu sehen, Jo Barnikel nur, wenn er an Weckers Klavier saß. Und wir hatten’s noch nicht einmal allzu schlimm – in Reihen kurz hinter uns ging der äußere Rand noch viel, viel weiter zur Seite, der Winkel muss dort für Nackenmuskeln und Sichtvergnügen eine Zumutung gewesen sein. Meine laienhaften Gedanken: Eine weiter nach hinten gesetzte Bühne und die Sitzplatzanordnung im Rundtheaterstil hätte das Problem elegant gelöst.
WeckerElmshorn1Sitzplaetze.jpg

Die Anfangsstimmung und das Wetter
Für mein Empfinden war die Stimmung zu Beginn des Konzertes sehr kühl und ich vermute, es lag an mehreren Faktoren. Ich beschreib’s Euch mal:
Der Wetterbericht hat bis eben noch versprochen, es solle trocken bleiben, aber pünktlich um 19:00 kommt ein fieser Schauer. Jemand vom SHMF betritt die Bühne, kommentiert das Wetter, witzelt rum, die Leute legen ihre Ponchos an, es raschelt überall. Aber dann werden die Künstler des Abends angesagt, es geht los, Applaus für Fany Kammerlander, Jo Barnikel, und Konstantin Wecker! Musik wird über den Regen wegtrösten. Hmm, nee, Konstantin kommt allein raus, wohl ein Missverständnis, naja, also ein Solostück zu Beginn? Nein, er startet auch nicht mit Musik, sondern richtet sich zunächst mit einer weiteren Ansage ans Publikum. Es ist natürlich eine spezielle Situation momentan, die vielleicht ein paar Worte erfordert, und so sagt er: „Es ist schön, dass Kultur wieder möglich ist… Zumindest so… Also: Wir sind nicht die UEFA, klar, da sind ganz andere Dinge möglich.“
Aber nun Musik: Willy, ein Publikumsliebling. Es ist die 2021er Version, der lange Talkingblues ist voller aktueller klare-Kante-mäßiger Äußerungen. Was soll ich sagen, ich habe schon viele Willy-Versionen live gehört, aber dies ist das einzige Mal, dass kein einziges Statement einen Zwischenapplaus bekommt. Es wird kaum am Inhalt liegen. Denn ich bin ganz ehrlich, mir ist auch nicht nach Klatschen, ich höre nicht einmal immer richtig zu, denn der Regen wird stärker, das Rascheln lauter – äußere Faktoren, dafür kann niemand etwas. Für ein Theaterkonzert wäre das ein guter Opener gewesen, aber nicht bei Regen.

Übrigens hätte ich wegen meiner halbherzigen Aufmerksamkeit fast nicht bemerkt, dass die Live-Version im Vergleich zur 2021er Album-Aufnahme sogar noch etwas anders war. Passagen zu Vili-Viorels Leben und konkretem Hanau-Ablauf wurden rausgekürzt (schade, denn die finde ich eigentlich besonders berührend), des Weiteren die „Und ich kann die Worte des Bedauerns [...] nicht mehr ertragen.“-Stelle. Neu war aber ein kurzer Absatz über inspirierende Kämper*innern wie Esther Bejarano und Martin Löwenberg, was für meinen Geschmack einen unnötigen Abschweifer nahm und vielleicht auch etwas zu ich-bezogen daherkam („ich durfte sie kennenlernen“ usw.) Aber hey, Willy ist immer im Wandel, das ist auch gut so.
WeckerElmshorn2GrauerHimmel.jpg

Die typischen Trio-Lieder
Nun hat Wecker ein riesiges Werk und ist immer für eine Überraschung gut, was die Songauswahl betrifft, aber gestern in Elmshorn hörte ich in der ersten Stunde eigentlich nur Lieder, die ich schon mehrere Male bei Trio-Konzerten erwischt hatte; viele sind immer wieder schön, z.B. Was passierte in den Jahren, manche, wünsche ich mir, dürften eher mal eine Pause nehmen, z.B. An meine Kinder.
Einige Anmoderationen könnte ich auch schon quasi mitsprechen, aber ich kann verstehen, dass man auch immer an erstmalige Hörer*innen denken muss. Ich freue mich, wenn z.B. die Location als Trabrennbahn thematisiert wird (mit einer Trabrennbahn verbindet Wecker ja auch eine unschöne biographische Station) oder eben das Wetter. Es ist nämlich wirklich wechselhaft, einmal (im Liebeslied) knallt die Sonne richtig, ist bald aber wieder weg: „Wir sollten, glaube ich, mehr Liebeslieder spielen, das gefällt der Sonne besser.“ Da merkt man wenigstens, dass der Künstler im Moment lebt und nicht in der Routine steckt!
WeckerElmshorn3Sonnenschein.jpg
Denn zwischendrin denke ich, Konstantin hat möglicherweise irgendwie einen schlechten Tag. Das Programm wirkt, wie gesagt, irgendwie uninspiriert, er muss sich zudem sehr oft räuspern und macht erstaunlich viele Textfehler (Zeilendreher, Aussetzer) bzw. die Zunge kommt mit den Silben durcheinander – eigentlich nicht schlimm, aber das kennt man eben nicht von ihm. Und ich vermisse die neuen Songs! Er liest einmal Warum Sonette? vom Blatt – aber dann folgt wieder ein altes Stück.


Die neuen Songs kommen geballt
WeckerElmshorn4Buch.jpg
Einen Einschnitt bildet der Punkt, von dem an Konstantin aus seinem Buch 'Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten' liest und im selben Zug von der Entstehung seines neuen Albums erzählt.
Tja, plötzlich kommen die neuen Stücke, ein Glück. Ich hätte sie mir im Programm zerstreut gewünscht, sodass eher ihre jeweiligen Stimmungen den Platz im Spannungsbogen des Abends bestimmen würden und nicht einfach die Tatsache, dass sie neu sind. Aber toll klingen sie. Von den ruhigeren Liedern gibt es etwa An die Musen und Die Tage grau zu hören. Das kraftvolle Schäm dich, Europa kommt im Trio-Arrangement richtig gut daher, das Cello hat Power, man vermisst das Schlagzeug nicht. Das Publikum ist plötzlich auch aufgetaut, es gibt mehrmals Zwischenapplaus.

Die Zugaben
Ich glaube, es könnte mein einziges Wecker-Konzert gewesen sein, dass sowohl ohne Sage nein! als auch ohne Wenn der Sommer nicht mehr weit ist auskam. Nicht schlimm. Aber ein Hit fehlte nicht, nämlich Questa nuova realtà: „Was für eine Nacht, so warm und geduldig“ – das sorgte für Lacher, denn selbst ohne Regen war es kalt und windig. Ich war sehr gespannt, ob Wecker den typischen Spaziergang durchs Publikum in Coronazeiten wagen würde, und die Antwort lautet ja, worüber das Publikum spürbar arg begeistert war.
Und es gibt ja noch die „umarmen wir jetzt jeden“-Stelle im Text, uijuijui, ist das der Geist der Zeit? Aber da hat Konstantin auch eine augenzwinkernde Bemerkung parat: „Wer ist'n doppelt geimpft oder sowas?“

In den Zugabenblöcken überreichten Leute vom SHMF den Musikern Geschenk-Tüten, aber es gab nur 2 Exemplare für 3 Leute, oh Mann, ich hätte mich nicht getraut, damit auf die Bühne zu kommen.
WeckerElmshorn5Verabschiedung.jpg
Mit Buonnanotte Fiorellino und dem ewigen Abschlussgedicht Jeder Augenblick ist ewig entlässt Konstantin Wecker das Publikum besinnlich in die Nacht, naja, eher den Abend, der Abschluss ist um 20:50 Uhr. In der Verabschiedung wirkt der Künstler bang um die Auftrittsmöglichkeiten in Zukunft: „Hoffen wir, dass es im Herbst auch wieder geht –- weitergeht, sagen wir mal so. Ich weiß es nicht.... Aber gut, es war schön.“

Recht hat er, ich habe viel gemeckert, aber es war schön. Ich hab’s doch zu Beginn gesagt: Dass die Lieder super sind, das habe ich halt als gegeben vorausgesetzt ;-)


Danke fürs Durchlesen :-)
Was war Euer kürztes Wecker-Konzert?
Habt Ihr schon einmal vom Wetter die Konzertstimmung negativ beeinflusst erlebt?

Viele Grüße
Viktor


PS: Die exakte Setlist:
► Text anzeigen
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Dieser Beitrag enthält 1604 Wörter


...

  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Wecker, Konstantin“