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Aschenputtel, Silbermond und Nena --- und der Begriff "Liedermacher"...

Verfasst: So 26. Jun 2005, 23:54
von Nordlicht
Hallo, Ihr Alle !
Ich möchte hier einmal eine Diskussion wiederbeleben, die wir schon das eine oder andere Mal geführt haben und in der wir nie zu einem Ergebnis gekommen sind, weil es vermutlich auch gar kein "richtiges" Ergebnis gibt. Aber vielleicht mal der Reihe nach:
Als vermeintlich "Erwachsenem" fiel mir am 23. Juni die Aufgabe in den Schoß, einen 11- (fast schon 12- !!!) Jährigen zu seinem ersten Live- Konzert begleiten zu dürfen. An diesem Abend waren drei Gruppen in der Linzer "Intersport- Arena", und zwar die österreichisch- deutsche Frauenrockgruppe "Aschenputtel", die Chart- Formation "Silbermond" und als Top- Act "Nena & Band". Als "alter" NDW- Fan war ich natürlich schon neugierig darauf, was Nena heute noch zu einem Zugpferd macht, aber auch "Silbermond", von denen ich zugegebenermaßen nur "Es ist besser, wenn Du gehst" kannte, machten mich neugierig. Und da ich als relativ aufgeschlossen gelte, wollte ich dann auch der "Vor- Vor-Gruppe" Aschenputtel eine Chance geben. Gesagt, getan, also mit Neugier hinein in eine zu 3/4 gefüllte Halle, die aber in den Tagen vorher permanent als "ausverkauft" und daher nur mehr mit "Restkarten" zu betreten galt. War das ein psychologischer Trick ? Oder waren es Brandschutzvorkehrungen ? Egal.
Um 19:30 Uhr begann der Abend mit den Musikern der Formation "Aschenputtel", die mit 2 Frontfrauen auf die Bühne stürmten. Da als offizieller Beginn des Abends 20:00 Uhr galt, war zu diesem Zeitpunkt naturgemäß das Einlaß- Gewühl noch groß. Die Band tat mir vorher schon Leid, denn als relativ unbekannter Support zu eröffnen, hat bestimmt seine Tücken. Und so war es auch: Die Kapelle war etwas überfordert, die Launigkeit der Ansagen wirkte aufgesetzt, und auch die Bemühungen, stimmlich und musikalisch eine gute Leistung abzugeben, verpufften nahezu wirkungslos. Dazu litt die Formation - wie leider so oft bei derartigen Live- Events - an den Phantasien des überforderten Tonmeisters, der "Lautstärke" mit "Klangqualität" gleichzusetzen schien. Die Texte schienen gar nicht einmal sooo schlecht, waren aber in dem irre lauten Klangbrei für den Nicht- Text- Kundigen nur in Fragmenten zu verstehen. 45 Minuten gab die Truppe (vermutlich) ihr Bestes, leider war das genau eine Dreiviertelstunde zu lang...
Zu lang dann auch die anschließende Umbau- Pause, denn warum für das Entfernen einiger Mikrofon- und Instrumentenständer mehr als 20 Minuten benötigt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber über diese Frage sollte ich später noch einmal grübeln können.
"Silbermond" bewiesen dann von Anfang an, daß sie schon "Profis" sind, die Mugge ging reibungslos über die Bühne, die Sängerin hatte das Linzer Publikum gut im Griff und entfachte so etwas wie Begeisterung bei den - zumeist sehr jungen - Fans. Aber auch hier: viiiiiiel zu laut, und das ließ für den Haupt- Act das Schlimmste befürchten. Da ich nur 2 oder 3 langsame Titel der 3 "Silbermonde" kannte, war ich überrascht, wie rockig sie auch spielen. Im Großen und Ganzen war der Auftritt - abgesehen vom Volume- Pegel - aber durchaus OK. Die 60 Minuten, die der Auftritt dauerte, waren angemessen.
Und dann wieder: mehr als 20 Minuten dabei zuschauen, wie sichtlich überforderte Roadies die Bühne für den "Star" des Abends umbauten. Mittlerweile war dann auch das Publikum vollzählig. Es war jetzt bunt gemischt, und man sah viele, die "Nur geträumt" oder "99 Luftballons" noch als Teenager gekannt haben dürften. Mit reichlich Bühnen- Nebel und moderaten "Chill- Out"- Klängen ging es los. Dann ein elektronischer Donnerklang und Nena sprang auf die Bühne. Auch als "gereiftere" Frau und mehrfache Mutter bewies sie ein grandioses Gespür für Timing und Stimmung und hatte die Halle vom ersten Augenblick an fest im Griff. Der Tonmeister hatte die Regler - wie befürchtet - über die "Maximal"- Markierung aufgerissen, aber da die meisten Texte dem Gros der Zuschauer ohnehin bekannt waren, fiel das nicht weiter ins Gewicht. Und guter Klang ist etwas, was wohl - mangels Training - nicht jeder zu schätzen weiß. Runde 80 Minuten spielten Nena & Band neue Titel, die ich persönlich zwar schön, aber nicht als umwerfend ansehe, und natürlich Dinge wie die schon erwähnten "99 Luftballons", "Nur geträumt", "Leuchtturm" und "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Daß viele Sachen auch neu arrangiert waren, tat dem Vergnügen keinen Abbruch.
Es war - um damit einmal den ersten Teil zu beenden - ein wirklich schöner Abend mit teilweise richtig guter Musik.
Nun gab es - damit zum zweiten Teil - tatsächlich ausschließlich deutsche Texte, und da begann ich zu überlegen: Was sind "Aschenputtel", "Silbermond" und "Nena" eigentlich ? Schlagersänger ? Neeeeee, das nun doch nicht. Rockmusiker ? OK, schon eher... Aber sind diese Truppen nicht auch ein Stück weit "Liedermacher" ? Wo eigentlich kann man abgrenzen ? Denn auch etablierte Künstler wie Grönemeyer oder Westernhagen haben doch die festen Genre- Grenzen zu einem gerüttelt Maß aufgeweicht. Und hier im Forum trifft man Hardcore- Fans, die einen Bodo Wartke, der für mich ein durchaus annehmbarer Comedian (fast in der Art von "Insterburg & Co" oder "Schobert & Black") ist, aber eben kein
"Liedermacher". Ähnlich verhält es sich mit Stoppok: der macht tolle Rockmusik mit teilweise richtig guten Texten, ist noch dazu eine echte "Type", aber "Liedermacher" ? Genauso wie ein als Interpret fast vergessener Albert Hammond, ein Stephan Sulke (...der sich ja selber nicht als Liedermacher bezeichnet sehen möchte...) und was es der Beispiele noch mehr geben mag.
Ist die Trennung in solche "Schubladen" eigentlich noch zeitgemäß ? Oder sehe ich das alles nur falsch ? Mich würde mal interessieren, was ihr dazu meint.
So, jetzt grüßt mit qualmenden Fingern aus einer schwül- heißen Linzer Sommernacht mit verschwitzter Uniform
ANDREAS.

(...der nebenbei festgestellt hat, daß er sich im "leiseren" Liedermacher- Ambiente wohler fühlt und deswegen befürchtet, langsam "alt" zu werden...)

Aschenputtel, Silbermond und Nena --- und der Begriff "Liedermacher"...

Verfasst: Mo 27. Jun 2005, 14:06
von Carsten K
Hallo Nordlicht,
will ich auch mal wieder was hier beisteuern... :-)
Zu Nena, also da bin ich sicher nicht objektiv, diese Frau hab ich mal angehimmelt, mit 17, aber auch schon damals nur heimlich ;-) ... Viel neues, was mir besonders gefallen hätte, hab ich seit dem aber nicht von ihr gehört, und dass sie jetzt wieder so schwer im Geschäft ist, liegt sicher auch daran, dass Gruppen wie "Silbermond", "Wir sind Helden" oder "Juli" den kommerziellen Durchbruch geschafft haben, und diese Neue Deutschsprachige Popmusik finde ich durchaus vergleichbar mit der Neuen Deutschen Welle vor über 20 Jahren...
Auch wenn ich nicht jeden Song gleichermaßen mag, gefällt mir doch, dass diese Gruppen ihre Songs selbst schreiben und auch schon diese Musik gemacht haben, bevor sie berühmt wurden, also keine künstlichen Produkte irgendwelcher Casting-Shows sind...
Die Schublade "Liedermacher"? Naja, ich hab so'n "Gitarrenbuch der Liedermacher" von Peter Bursch aus den 80ern, darin kommt u. a. auch Peter Maffay mit "Über sieben Brücken musst du gehn" vor, obwohl er diesen "Karat"-Song ja nicht mal selbst geschrieben hat, aber ich finde dennoch nicht, dass man den Begriff "Liedermacher" darauf reduzieren muss, dass ein Solo-Künstler oder ein Duo seine Lieder auf einem akkustischen Instrument wie Gitarre, Klavier, Akkordeon usw. selbst begleitet... Für mich machen gute selbst geschriebene Texte und selbst vorgetragene Songs in erster Linie das Genre "Liedermacher" aus, nicht unbedingt der jeweilige Musikstil...
Aber es muss sich auch niemand Liedermacher nennen, damit ich ihn gut finde :-D
In diesem Sinne
cARSCHti

Aschenputtel, Silbermond und Nena --- und der Begriff "Liedermacher"...

Verfasst: Di 28. Jun 2005, 16:59
von Michael
Hallo,
ja, das ist wirklich eine spannende Frage, zu der ich mal einen anderen Aspekt einwerfen möchte. Diese ganzen Grenzen sind ja ziemlich seltsam. Wo ist der Unterschied zwischen Rockmusikern und Popmusikers - also so richtig definitiv, gefühlsmäßig kann man das ja immer irgendwie entscheiden, aber was ist wenn ein Rocker mal Popmusik macht (also konkret: Was ist wenn Springsteen "Streets of Philadelphia" singt - Rock, Pop, Liedermaching? - schwierig, schwierig)?
Also für mich sind diese neuen Bands wie "Juli" oder "Silbermond" schlicht und ergreifend Schlagersänger. Und das meine ich gar nicht despektierlich. Das ist heute so eine goldene Zeit für deutschsprachige Musik wie es die späten sechziger und frühen siebziger waren. Ok, der Stil und die Art der Präsentation ist etwas anders, die Themen aber nicht. Und da bekanntlich die "Schlager" in dieser Zeit eine ziemliche Qualität, einen gewissen Witz und eine große Bandbreite hatten und auch oft ziemlich gut gemacht waren, nennen wir's doch Schlager. Wenn man den grundsätzlichen negativen Touch dieses Wortes vernachlässigt, passt's doch.
Aber auch ich würde ja einige der in diesem Forum prominent vertretenen Künstler in die Schlagerecke stellen.
Michael

Aschenputtel, Silbermond und Nena --- und der Begriff "Liedermacher"...

Verfasst: Di 28. Jun 2005, 18:11
von Skywise
@Michael:
Eigentlich war das früher mal mit "Rock" und "Pop" eine ganz einfache Geschichte: "Rock" war das, was auf dem althergebrachten Blues-Schema aufbaute, "Pop" warf erst mal diese Konventionen über Bord und scherte sich nicht mehr um den ollen Zwölftakter, sondern versuchte, durch Einbringung von Folk- oder klassischen Elementen, eine neue, eingängige Musik zu schaffen. Das Problem war nur, daß schon sehr bald nach Entstehung des Pop (bis Mitte der 60er Jahre) die Rockmusik ebenfalls anfing, herumzuexperimentieren und ihr Betätigungsfeld beträchtlich ausweitete (etwa ab Mitte der 60er Jahre), so daß es bereits kurze Zeit danach zwischen diesen beiden Musikstilen zu einer sehr großen Schnittmenge kam. Ab 1970 konnte man also die Unterscheidung "Rock" und "Pop" nur noch in Extremfällen gebrauchen.
Allerdings muß man vielleicht noch sagen, daß man sich davor hüten sollte, Interpreten in allzu stabile Schubladen zu stecken - bei manchen mag das funktionieren, andere können sich wunderbar dagegen zur Wehr setzen; Springsteen ist so einer, der sowohl Pop, Rock, Country wie auch Folk in seine Musik einfließen läßt und sich daher besonders gerne irgendwo zwischen allen Stühlen / Stilen aufhält.
@topic:
Nun ja, der Begriff "Liedermacher" für einige Interpreten ist wohl eher aus der Not heraus entstanden, ein bestimmtes Niveau auszudrücken, und nicht, um einen bestimmten Musikstil abzustecken, denn tatsächlich findet sich bei den "Liedermachern" eine enorme musikalische Bandbreite - Wolf Biermann macht von Grund auf eine ganz andere Musik als Konstantin Wecker und Hannes Wader ist wohl auch nicht wirklich mit Stoppok zu vergleichen.
"Juli" und "Silbermond" gehören für mich mit ihren manchmal wenig aussagekräftigen Texten in die reine Rock-Pop-Szene, bislang ohne ernsthafte Chancen auf den "Aufstieg" in die Liedermacher-Kategorie. "Schlager" ... jo, kann man gelten lassen, zumal auch im "Schlager"-Bereich eine sehr große Bandbreite herrscht; von Disco- über Country- bis hin zu Volksmusikelementen findet man im Schlagerbereich so viele Einflüsse, daß es auch da müßig wäre, eine genaue Definition anzubringen.
"Aschenputtel" werden vermutlich auch in dieselbe Richtung laufen, wenn ich mir ihren Titel "Ich kann dich heilen" ins Gedächtnis zurückrufe - deutschsprachige Rock-Pop-Musik, wahrscheinlich nicht mehr.
Mit der Einordnung von Nena habe ich offen gestanden meine Probleme, denn einige ihrer Titel sind ziemlich gut und halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Andererseits kann ich nicht beurteilen, wie groß ihr Anteil an jenen Texten war - und wenn ich mir die zweite CD ihres "Willst du mit mir gehn"-Albums anhöre, auf der in erster Linie spontane Improvisationen ("Jams") zu finden sind, bei der sie auch Melodien und Texte improvisiert, schätze ich ihre eigenen Fähigkeiten, ein kritisches Thema überzeugend umzusetzen, eher gering ein. Diese Einschätzung wird übrigens noch gestützt durch einige ziemlich belanglose Veröffentlichungen ihrerseits, die entstanden, nachdem sich die Band getrennt hatte und Nena mit neuen Gesichtern, Köpfen und Fingern zusammenarbeiten mußte, wobei das Niveau teilweise doch merklich absackte. Von daher bleibt Nena erst mal in der Rock-Pop-Schublade (Unterabteilung: kinderlieb) :-D
Gruß
Skywise