Stimmen zu "Mairegen"
Verfasst: Do 6. Mai 2010, 20:54
Ihr Lieben,
nachdem "der Postbote da war" (so ein Beitrag hier im Forum), mache ich mal eine neue Ecke auf, in der wir unsere Eindrücke zum neuen Album sammeln können.
Ich gebe offen zu: als ich am Dienstagmorgen den Briefkasten klappern hörte, hielt mich nichts mehr in den Federn, meine leise Vermutung sagte mir: „Mairegen“ ist da! Und tatsächlich – die flinken Hände von der Edition Reinhard Mey waren tatsächlich ein paar Tage schneller und verschickten das Album noch vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin. Was für ein Freudentaumel! So schnell ich aus meinem Bett geschnellt war, so schnell sprang ich auch wieder hinein. Bettdecke zugezogen, Kopfhörer auf, Augen zu…
…und dann lerne ich „Antje“ kennen und verliebe mich augenblicklich in das Gitarrenspiel von Jens Kommnick. Die Stimme von Reinhard Mey tut mir unglaublich gut, das ist schon immer so gewesen. So zärtlich Reinhard von „Antje“ und „ihrem Imbiss im Dorf an der B 10“ erzählt, so liebevoll und warm klingt auch seine Stimme. Dann steigen Bilder vor meinem inneren Auge auf, ich sehe Antjes Hund vor mir, der sich über jeden schmackhaften Krümel freut, und ich schmunzele bei so wunderbaren Beobachtungen wie: „Antje sieht, wenn eine Träne in deine Pommes rollt“. Hach – der Meyster ist wieder da!
Auf den zweiten Titel war ich besonders gespannt: „Das erste Mal“. Wenn man die 20 vor noch nicht all zu langer Zeit überschritten hat, liegen viele „erste Male“ noch nicht weit zurück. Wie lange ist das eigentlich her, als ich meinen ersten Akkord spielen konnte? Mein erstes paar Schuhe steht noch auf meinem Schreibtisch… passten meine Füße da wirklich mal hinein? Und was stand eigentlich in meinem ersten Liebesbrief…? Jede Zeile, die Reinhard hier besingt, holt auch ganz persönliche Erinnerungen hervor. Mit dem letzten Vers lässt mich Reinhard Mey weiter erinnern: „Der erste Schritt, der erste Schnitt und irgendwann zum ersten Mal…“ – ja, was gab es da noch alles…?
Mit „Gegen den Wind“ kommt das Album richtig in Fahrt, genau das richtige Lied nach zwei leisen Liedern. Das „coole“ Gitarrenspiel von Philip Niessen geht mir sofort unter die Haut, beim Refrain will ich sofort mitsummen. Das Lied macht Mut: Weht Dir der Wind im rauen Alltag auch noch so stark entgegen, stell Dich ihm entgegen, denn „fliegen kannst Du nur gegen den Wind!“ Wie recht er hat, der Reinhard Mey, denke ich mir im Stillen…
Mag der Gegenwind auch noch so stark sein, zum Glück gibt es da immer irgendwo eine „Gute Seele“, die Dir Trost gibt und die Dir das Herz wärmt. „Erinnerungswärts“ – wo hat Reinhard Mey nur wieder dieses schöne Wort her? Den besungenen „dicken Jungen, der abseits auf dem Schulhof“ stand, kennt wohl jeder von uns, und dem „lieben Bullen“ werde ich hoffentlich auch begegnen, wenn ich– nein, ich klaue keine Nylonhemden!
Ja, und dann berührt mich das neue Album ganz und mir kullern dicke Tränen über die Wangen. Der „Ficus Benjamini“, den ich so oft selbst gesehen habe, erinnert mich daran, bei allem Kummer die Hoffnung und die Zuversicht nicht zu verlieren. Zwischen meine Tränen mischt sich sogleich ein Schmunzeln, so liebevoll sind die Zeilen gesetzt: „Zarte Rosen vertragen keine harten Diagnosen“ und die „Förster tragen hier ausnahmslos weiße Kittel“… danke für dieses Lied, lieber Reinhard Mey. Die Tränen, die es hervorgebracht hat, hat es sogleich wieder getrocknet. Ganz von selbst.
Bei „Nachtflug“ packt mich sofort die fließende Melodie. Musik und Text empfinde ich als Einheit und obwohl ich noch nie einen Nachtflug erlebt habe, kann ich alles ganz genau vor mir sehen: die Lichter am Rollwegrand, die schimmernde Bahn, die Dunkelheit. Ich höre, wie die Räder in den Fahrwerkschacht einfahren… das Lied werde ich bestimmt sehr oft hören.
Und dann – mir fällt es schwer, meine Gefühle und Gedanken zu „Drachenblut“ auszudrücken. So leise das Lied ist, so leise möchte ich es stehen lassen. Mein Kopfkissen ist noch von Tränen nass und wenn ich an den Refrain denke – dann kullern wieder Tränen in meine Tastatur. Das Lied ist so persönlich. Ich spüre mit jedem Vers und mit jedem Ton, wie wichtig es Reinhard Mey war, sich dieses Lied von der Seele zu schreiben. Fühlen Sie sich umarmt, Reinhard Mey.
Wie dankbar bin ich, dass sich sogleich „Mairegen“ anschließt. „Regen rinnt in kleinen Bächen über mein Gesicht“; „Mairegen“ trocknet die Tränen. Spätestens mit diesem Lied spüre ich deutlich, dass das Album nicht einfach nur eine Anreihung von 14 Liedern ist: Jedes Lied hat seinen wohlüberlegten Platz, entfaltet innerhalb des Albums seine eigene Funktion und Bedeutung. „Mairegen mach mir Mut“ heißt es im Refrain – ja, und das Lied macht Mut!
Und dann – huch, hat Reinhard Mey da etwa gerade etwas von einem „Fuchsbau“ gesungen? Ob das ein Zufall ist? Das Album nimmt wieder ordentlich Schwung an, das Kummertal scheint überwunden. „Rotten Radish Skiffle Guys“ macht Spaß und der Seufzer am Ende des Liedes – hach, zum Dahinschmelzen!
„Genau! So ist es!“, raunt es mir durch den Kopf, als ich „Larissas Traum“ höre. Kein Lied, dass ich mir oft anhören werde, aber dessen Aussage ich umso wichtiger finde: „draußen wartet die Flachbildschirm-Nation“. Ich freue mich auf die Tournee im Herbst 2011 und bin gespannt, wie das Lied zur Gitarre klingen wird.
Und prompt muss ich wieder schmunzeln: Wie gut zu wissen, dass auch Reinhard Mey wie mich „die Finsternis der Bruchrechnung" umfing. Fast vergessen, erinnere ich mich jetzt wieder an diese Abzählspiele auf meinem Schulweg. „Natürlich ist das Hokuspokus“ singt Reinhard Mey hier – aber ist er nicht meistens geglückt, der Sprung auf den blanken Stein? Klasse dieses klangvolle Flügel- und Tenorhorn von Heinz Hilgers!
Die Liebe von Reinhard Mey zu einem „Butterbrot“ kann ich nur zu gut nachvollziehen. Und wieder so eine Erinnerung, die hier in mir aufsprudelt: Das „Brot zu Würfeln klein geschnitten ohne Rinde“ von Oma. Ein liebevolles, kleines Lied.
„Wir sind eins“ singt Reinhard Mey (fast) zum Abschluss des Albums. Ein wenig erinnert mich der Titel – man verzeihe es mir! – an die Tournee 2008 und an die Vorrede zum Lied „Bei Hempels unterm Bett“: als sich die Reste der Pizza Funghi mit dem durchweichten Pappkarton vom Pizzabringdienst miteinander vermählten und eins wurden. Aber so einfühlsam, wie Reinhard Mey hier die alt gewordene und doch jung gebliebene Liebe beschreibt, kann ich als junger Schnösel nur raunen: das wünsche ich mir später auch mal sagen zu können - „Wir sind eins“.
Die Zugabe gibt es diesmal ganz offiziell, und nicht versteckt, wie noch beim Album „Bunter Hund“. Das Lied kenne ich schon von Konstantin Wecker, ich habe es oft während seiner letzten Tournee gehört. Reinhard Mey singt das Lied unglaublich einfühlsam, aber ich frage mich auch: Ist diese konsequente Anti-Haltung wirklich so gut, wie der Text vorgibt? „Wenn alle mittun, steht allein“ – ja, aber sollten wir in bestimmten Situation nicht auch zusammenstehen? Natürlich weiß ich, dass wir uns darin alle einig sind, aber der Text blendet das leider aus. Das Lied regt mich zum Schluss noch mal zum Nachdenken an…
Eine Stunde habe ich nun länger im Bett gelegen, mit „Mairegen“ auf den Ohren. Es ist ein ganz leises Album geworden. Ein Lied wie „Pöter“ oder „Irgendein Depp mäht irgendwo immer“, bei dem man laut lachen muss, fehlt. Aber die gibt es ja auch schon. Und manchmal sind die leisen Lieder viel schöner, viel authentischer, viel wichtiger.
Sogleich fällt mein Blick in das Booklet und ich schaue mir die Fotos von Jim Rakete an. Und dann kullern doch noch ein Mal ein paar Tränen herunter: Reinhard Mey steht zwischen seiner Gitarre und weißen Lilien – „Dein Licht hast Du an beiden Seiten angezündet“ heißt es in „Drachenblut“…
Danke für die neuen Lieder, lieber Reinhard Mey.
Marc
nachdem "der Postbote da war" (so ein Beitrag hier im Forum), mache ich mal eine neue Ecke auf, in der wir unsere Eindrücke zum neuen Album sammeln können.
Ich gebe offen zu: als ich am Dienstagmorgen den Briefkasten klappern hörte, hielt mich nichts mehr in den Federn, meine leise Vermutung sagte mir: „Mairegen“ ist da! Und tatsächlich – die flinken Hände von der Edition Reinhard Mey waren tatsächlich ein paar Tage schneller und verschickten das Album noch vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin. Was für ein Freudentaumel! So schnell ich aus meinem Bett geschnellt war, so schnell sprang ich auch wieder hinein. Bettdecke zugezogen, Kopfhörer auf, Augen zu…
…und dann lerne ich „Antje“ kennen und verliebe mich augenblicklich in das Gitarrenspiel von Jens Kommnick. Die Stimme von Reinhard Mey tut mir unglaublich gut, das ist schon immer so gewesen. So zärtlich Reinhard von „Antje“ und „ihrem Imbiss im Dorf an der B 10“ erzählt, so liebevoll und warm klingt auch seine Stimme. Dann steigen Bilder vor meinem inneren Auge auf, ich sehe Antjes Hund vor mir, der sich über jeden schmackhaften Krümel freut, und ich schmunzele bei so wunderbaren Beobachtungen wie: „Antje sieht, wenn eine Träne in deine Pommes rollt“. Hach – der Meyster ist wieder da!
Auf den zweiten Titel war ich besonders gespannt: „Das erste Mal“. Wenn man die 20 vor noch nicht all zu langer Zeit überschritten hat, liegen viele „erste Male“ noch nicht weit zurück. Wie lange ist das eigentlich her, als ich meinen ersten Akkord spielen konnte? Mein erstes paar Schuhe steht noch auf meinem Schreibtisch… passten meine Füße da wirklich mal hinein? Und was stand eigentlich in meinem ersten Liebesbrief…? Jede Zeile, die Reinhard hier besingt, holt auch ganz persönliche Erinnerungen hervor. Mit dem letzten Vers lässt mich Reinhard Mey weiter erinnern: „Der erste Schritt, der erste Schnitt und irgendwann zum ersten Mal…“ – ja, was gab es da noch alles…?
Mit „Gegen den Wind“ kommt das Album richtig in Fahrt, genau das richtige Lied nach zwei leisen Liedern. Das „coole“ Gitarrenspiel von Philip Niessen geht mir sofort unter die Haut, beim Refrain will ich sofort mitsummen. Das Lied macht Mut: Weht Dir der Wind im rauen Alltag auch noch so stark entgegen, stell Dich ihm entgegen, denn „fliegen kannst Du nur gegen den Wind!“ Wie recht er hat, der Reinhard Mey, denke ich mir im Stillen…
Mag der Gegenwind auch noch so stark sein, zum Glück gibt es da immer irgendwo eine „Gute Seele“, die Dir Trost gibt und die Dir das Herz wärmt. „Erinnerungswärts“ – wo hat Reinhard Mey nur wieder dieses schöne Wort her? Den besungenen „dicken Jungen, der abseits auf dem Schulhof“ stand, kennt wohl jeder von uns, und dem „lieben Bullen“ werde ich hoffentlich auch begegnen, wenn ich– nein, ich klaue keine Nylonhemden!
Ja, und dann berührt mich das neue Album ganz und mir kullern dicke Tränen über die Wangen. Der „Ficus Benjamini“, den ich so oft selbst gesehen habe, erinnert mich daran, bei allem Kummer die Hoffnung und die Zuversicht nicht zu verlieren. Zwischen meine Tränen mischt sich sogleich ein Schmunzeln, so liebevoll sind die Zeilen gesetzt: „Zarte Rosen vertragen keine harten Diagnosen“ und die „Förster tragen hier ausnahmslos weiße Kittel“… danke für dieses Lied, lieber Reinhard Mey. Die Tränen, die es hervorgebracht hat, hat es sogleich wieder getrocknet. Ganz von selbst.
Bei „Nachtflug“ packt mich sofort die fließende Melodie. Musik und Text empfinde ich als Einheit und obwohl ich noch nie einen Nachtflug erlebt habe, kann ich alles ganz genau vor mir sehen: die Lichter am Rollwegrand, die schimmernde Bahn, die Dunkelheit. Ich höre, wie die Räder in den Fahrwerkschacht einfahren… das Lied werde ich bestimmt sehr oft hören.
Und dann – mir fällt es schwer, meine Gefühle und Gedanken zu „Drachenblut“ auszudrücken. So leise das Lied ist, so leise möchte ich es stehen lassen. Mein Kopfkissen ist noch von Tränen nass und wenn ich an den Refrain denke – dann kullern wieder Tränen in meine Tastatur. Das Lied ist so persönlich. Ich spüre mit jedem Vers und mit jedem Ton, wie wichtig es Reinhard Mey war, sich dieses Lied von der Seele zu schreiben. Fühlen Sie sich umarmt, Reinhard Mey.
Wie dankbar bin ich, dass sich sogleich „Mairegen“ anschließt. „Regen rinnt in kleinen Bächen über mein Gesicht“; „Mairegen“ trocknet die Tränen. Spätestens mit diesem Lied spüre ich deutlich, dass das Album nicht einfach nur eine Anreihung von 14 Liedern ist: Jedes Lied hat seinen wohlüberlegten Platz, entfaltet innerhalb des Albums seine eigene Funktion und Bedeutung. „Mairegen mach mir Mut“ heißt es im Refrain – ja, und das Lied macht Mut!
Und dann – huch, hat Reinhard Mey da etwa gerade etwas von einem „Fuchsbau“ gesungen? Ob das ein Zufall ist? Das Album nimmt wieder ordentlich Schwung an, das Kummertal scheint überwunden. „Rotten Radish Skiffle Guys“ macht Spaß und der Seufzer am Ende des Liedes – hach, zum Dahinschmelzen!
„Genau! So ist es!“, raunt es mir durch den Kopf, als ich „Larissas Traum“ höre. Kein Lied, dass ich mir oft anhören werde, aber dessen Aussage ich umso wichtiger finde: „draußen wartet die Flachbildschirm-Nation“. Ich freue mich auf die Tournee im Herbst 2011 und bin gespannt, wie das Lied zur Gitarre klingen wird.
Und prompt muss ich wieder schmunzeln: Wie gut zu wissen, dass auch Reinhard Mey wie mich „die Finsternis der Bruchrechnung" umfing. Fast vergessen, erinnere ich mich jetzt wieder an diese Abzählspiele auf meinem Schulweg. „Natürlich ist das Hokuspokus“ singt Reinhard Mey hier – aber ist er nicht meistens geglückt, der Sprung auf den blanken Stein? Klasse dieses klangvolle Flügel- und Tenorhorn von Heinz Hilgers!
Die Liebe von Reinhard Mey zu einem „Butterbrot“ kann ich nur zu gut nachvollziehen. Und wieder so eine Erinnerung, die hier in mir aufsprudelt: Das „Brot zu Würfeln klein geschnitten ohne Rinde“ von Oma. Ein liebevolles, kleines Lied.
„Wir sind eins“ singt Reinhard Mey (fast) zum Abschluss des Albums. Ein wenig erinnert mich der Titel – man verzeihe es mir! – an die Tournee 2008 und an die Vorrede zum Lied „Bei Hempels unterm Bett“: als sich die Reste der Pizza Funghi mit dem durchweichten Pappkarton vom Pizzabringdienst miteinander vermählten und eins wurden. Aber so einfühlsam, wie Reinhard Mey hier die alt gewordene und doch jung gebliebene Liebe beschreibt, kann ich als junger Schnösel nur raunen: das wünsche ich mir später auch mal sagen zu können - „Wir sind eins“.
Die Zugabe gibt es diesmal ganz offiziell, und nicht versteckt, wie noch beim Album „Bunter Hund“. Das Lied kenne ich schon von Konstantin Wecker, ich habe es oft während seiner letzten Tournee gehört. Reinhard Mey singt das Lied unglaublich einfühlsam, aber ich frage mich auch: Ist diese konsequente Anti-Haltung wirklich so gut, wie der Text vorgibt? „Wenn alle mittun, steht allein“ – ja, aber sollten wir in bestimmten Situation nicht auch zusammenstehen? Natürlich weiß ich, dass wir uns darin alle einig sind, aber der Text blendet das leider aus. Das Lied regt mich zum Schluss noch mal zum Nachdenken an…
Eine Stunde habe ich nun länger im Bett gelegen, mit „Mairegen“ auf den Ohren. Es ist ein ganz leises Album geworden. Ein Lied wie „Pöter“ oder „Irgendein Depp mäht irgendwo immer“, bei dem man laut lachen muss, fehlt. Aber die gibt es ja auch schon. Und manchmal sind die leisen Lieder viel schöner, viel authentischer, viel wichtiger.
Sogleich fällt mein Blick in das Booklet und ich schaue mir die Fotos von Jim Rakete an. Und dann kullern doch noch ein Mal ein paar Tränen herunter: Reinhard Mey steht zwischen seiner Gitarre und weißen Lilien – „Dein Licht hast Du an beiden Seiten angezündet“ heißt es in „Drachenblut“…
Danke für die neuen Lieder, lieber Reinhard Mey.
Marc