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von Judith
#40
Ich bin neu in diesem Forum, weil ich zu Demmler googelte, als ich von seinem Tod erfuhr. Dabei fand ich diese Seite.
Die Vorwürfe gegen ihn schockierten mich. Auch ich liebe seine Texte seit langem, und zum ersten Mal erfahre ich es am eigenen Leibe, wie schwer man sich damit tun kann, einem als genial erlebten Menschen übles zuzutrauen. In den letzten Monaten wehrte ich mich innerlich sehr gegen diese Vorwürfe und hätte sie gerne als miese BILD-Demontage überführt gesehen.
Nach und nach äußerten sich allerdings Kollegen, die es anklingen ließen, daß Demmler ein Hochtalent, aber kein sehr einfacher Zeitgenosse war. Im Sinne von: Ein Miteinander war äußerst schwierig. Dennoch... Geniale Liedermacher sind nun mal nicht unbedingt die netten Sozialhelfer von nebenan... sondern kantig, sperrig, getrieben...
Hier im Forum häufen sich Berichte Betroffener. Auch diese wollte ich im ersten Impuls gerne abtun als "Interessantmacherei" - das Internet ist eben ein sehr zu hinterfragendes Medium der Wahrhaftigkeit. Anonym läßt sich viel behaupten...
Doch lasen sich manche Texte sehr authentisch, ehrlich, betroffen. Ich schwankte zwischen der vernünftigen Moderatoren-Meinung, ein Forum nicht für persönliche Enthüllungen zu nutzen. Allerdings wurde die "offene Frage", wer denn was über die Demmler-Vorwürfe wissen, zugelassen. Und da posten eben auch Zeitzeugen und nicht nur Zeitungsleser. Doch wie gesagt, das ist dünnes Eis... Jeder kann hier unter jedem Nick sonstwas Gelesenes als SEINS ausgeben...
Nun ist Demmler tot. Erst heute las ich sein Dementi zu allen Vorwürfen. Er habe nie eine Zeugin bestechen oder erpressen wollen... In den Nachrichten hieß es, nun würde es nie sicher sein, ob oder ob nicht...
Ich begreife zum ersten Mal mit voller Wucht die Nöte mißbrauchter Frauen oder Kinder, wenn der Peiniger berühmt und beliebt ist. Wenn, wie auch hier geschehen, Mitschuld aufgeführt wird, oder gar völlige eigene Verantwortung DAFÜR. Und neben Zuspruch auch eine Mauer des Zweifels gebaut wird. Es muß für Betroffene die Hölle sein.
Inzwischen dreht sich die Diskussion mehr und mehr darum, wie authentisch ein Künstler, ein Liedermacher zu sein habe. Oder sonst ein Mensch, der emotional, gesellschaftskritisch, wegweisend agiert.
Rosseau hat bahnbrechende Werke zur Erziehung von Kindern geschrieben. Seine eigenen Kinder wuchsen im Heim auf. Wieviel Wert haben also seine Aussagen...?
Demmler schrieb wundervolle Texte, voller Herz, Menschlichkeit, Wahrhaftigkeitssuche. Und, dieses Gefühl schleicht sich immer mehr durch meine Zweifelsmauer: Er begehrte sehr junge Mädchen.
Dafür konnte er erstmal nichts. Ich kann mich da nicht "besser" fühlen, bloß weil ich mich sexuell nur von Kerlen meines Alters aufwärts erregt fühle und nicht von 13jährigen Knaben. Das habe ich mir so wenig ausgesucht wie Demmler seine wohl wirklich vorhandene Neigung.
Hätte er trotz dieser Neigung solche Texte publizieren und singen dürfen, in die Öffentlichkeit gehen als Idol so vieler meist junger Menschen? - Ich meine: Ja, natürlich - sexuelle Vorlieben und sollten keine Bremse für künstlerisches Talent sein!
Aber dennoch der Umkehrschluß: Wer sich so mit der Gesellschaft, dem Miteinander, dem Leben und Sehnen, dem kleinen Prinzen, auseinandersetzt, damit öffentlich wird, zum Idol und Wegweiser, darf seinen Neigungen nicht so stattgeben, daß sie andere beschädigen. DASS sehr junge Mädchen manipuliert oder erpresst wurden, dürfte ihm bewußt gewesen sein.
Vor 20 Jahren, das will ich ja auch nicht kleinreden, war das Thema noch nicht so öffentlich und Pädophile sicherlich oft "ohne Ausweg". Selbst Homosexualität konnte noch ein Skandal sein, und in Zeitungen standen allen Ernstes noch Leserbriefe, die dafür Elektroschocks "zur Heilung" empfahlen.
Trotzdem... Es gibt auch Menschen, die erregt werden, wenn sie foltern oder morden. Wofür sie auch nichts können. Ich verstehe es, wenn es für sie ein tiefer Konflikt ist, wenn ihre Vorliebe gesellschaftlich als schweres, unverzeihliches Verbrechen erlebt wird. Dennoch sind sie in der Verantwortung, dies zu erkennen und entsprechende Hilfen zu suchen. - Tun sie es nicht, geben sie ihren Trieben nach, foltern und morden sie UND singen ansonsten von einer liebevolleren Welt, kann ich als Rezipientin dem nicht mehr offenen Herzens folgen. So ich es denn erfahre.
Wenn ich es WEISS, daß sie es tun, und ich verehre sie schweigend dennoch, bin ich schlimmer als sie selbst. Denn ich werde nicht von deren Neigungen getrieben, weiß um deren Zerstörungspotential - blende es aber aus, weil ich es nicht wahrhaben will. Die Lieder sind ja so schön...
Natürlich kann und muß ein Künstler im Alltag nicht 1:1 mit seinen Werken sein. Oft zeigt er sein Sehnen und seine Gedanken, die er als Mensch in der Realität seltenst so leben kann.
Doch wenn er massiv Grenzen verletzt, im Alltag, so sehr, daß er mehrere Opfer auf dem Gewissen hat, kann ich seine gedanklichen und emotionalen Führungsversuche nicht mehr mit der selben Hingabe folgen.
Hier kam mal der Vergleich mit einer Nutte, die doch auch gut aussehen und was Wahres sagen kann. Nur besteht der Job einer Hure darin, dem Kunden für Geld das zu geben, was er haben will - Befriedigung und das Gefühl, super zu sein. Egal, wie sie wirklich drüber denkt und fühlt. Das ist ihre Form des professionellen Verhaltens.
Von einer Vertrauen erwartet das Gegenüber Ehrlichkeit und kein Bedienen.
Liedermacher werden als Vertraute empfunden. Als Menschen, die mit mir ehrlich kommunizieren. Die sich zeigen. - Ginge es nur ums Produkt, wie es mir gefällt, könnte ich eine Telenovela einschalten oder mich sonstwie in den Mainstream stürzen. Ich werde in meinen Träumen bedient und zahle. Für die CD oder den Film oder den Schmöker.
Ertappe ich einen Vertrauten bei einer extremen Unstimmigkeit im Handeln und Sagen, geht mein Vertrauen flöten.
Demmler ist tot. Ich trauere um ihn.
Seine Lieder sind trotz der wohl begründeten Vorwürfe immer noch genial. Aber mein Hörgenuß vergiftet. Ich spüre zwar eine tiefe Tragik bei Demmler, doch die betroffenen Mädchen zahlten einen sehr hohen Preis dafür. - Und auch sie konnten nichts für seine Neigung.
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