Ikarus schrieb:
Was kann Reinhard Mey daran stören, wenn jemand das Lied "Christine" hier im Forum ins Deutsche übersetzt?
Schöne Frage, deren Beantwortung nicht ganz einfach ist, weil eigentlich mehrere Dinge getrennt betrachtet werden müssen. Aber ich versuch's mal:
a) zum einen glaube ich, daß in dem gelöschten Beitrag nicht nur die Übersetzung stand, sondern vor allem auch der französische Originaltext von "Christine". Er wurde zwar als Zitat gekennzeichnet, allerdings erfüllte der Beitrag nicht die nötigen Voraussetzungen, die dafür gesorgt hätten, daß der Text als Zitat hätte eingefügt werden dürfen. Zitat des Originaltextes ohne Erlaubnis des Urhebers -> Verstoß gegen UrhG §§51ff. Pech.
Kann sein, daß ich mich irre und in dem Beitrag der Originaltext nicht aufgeführt war. dann wird die Sache ein klein wenig komplizierter:
b) Das Übersetzen eines urheberrechtlich geschützten Werks gilt im Regelfall zwar als eigenständige geistige Schöpfung (UrhG §3), allerdings gibt es da ein kleines Problem: selbst der beste Übersetzer wird nicht garantieren können, daß Sinn und Hintergrund eines Textes bei der Übersetzung originalgetreu erhalten bleiben - es gibt Floskeln, die kann man einfach nicht wörtlich übersetzen, wohl aber durch eine passende ersetzen ... und exakt hier greift erneut das Urheberrecht, da das Werk an dieser Stelle verändert wird. Zur Veränderung eines Werks benötigt man die Genehmigung des Urhebers. War nicht gegeben, darüber hinaus bezog sich die Übersetzung nicht nur auf eine einzelne Passage, sondern auf das ganze Werk -> Verstoß gegen das Urheberrecht (UrhG §62). Pech.
Es ist doch ein Kompliment für den Künstler, wenn jemand sich diese Mühe macht, zumal im Umfeld dieser Forenbeiträge nur positive Kommentare geschrieben wurden und den Menschen, die den französischen Text nicht verstehen, der Inhalt des Liedes nähergebracht wurde. Ich weiß, daß es naiv klingt - trotzdem:
warum freut sich Reinhard Mey nicht darüber?
Tja, nun wäre die Frage zu klären - war tatsächlich auch der französische Text im Beitrag zu lesen? Wenn ja, liegt der Grund auf der Hand, vor allem, wenn man bedenkt, daß Reinhard Mey einer der wenigen Musiker ist, die nicht nur Lieder-, sondern auch Textbücher veröffentlichen - es geht um die Gefährdung einer Einnahmequelle (weniger für ihn persönlich, vielmehr für seinen Verlag ... bitte das zu beachten). Klar ist ein Text für ihn nicht der Rede wert, aber besser, man geht zeitig gegen ungeliebtes Internetmaterial vor und schiebt es nicht auf die lange Bank ... wer weiß, welche Texte hier noch alle als Zitat gelandet wären.
Immer dran denken: das Urheberrecht ging schon von Anfang an davon aus, daß der Künstler mit seinem Werk Geld verdienen will. Deshalb konnte Reinhard Mey einerseits nicht verhindern, daß sich Dieter Thomas Kuhn über seine Wolken hermacht, deswegen kann er aber andererseits verhindern, daß hier seine Texte veröffentlicht werden und die Nachfrage nach seinen Textbüchern sinkt.
Wenn der französische Text nicht im Beitrag stand, muß ich sagen: ich habe nicht die leiseste Ahnung. In diesem Fall würde ich Dir absolut zustimmen (auch wenn das Recht dann trotzdem immer noch auf seiner Seite wäre).
Doch was ich immer noch als Kränkung empfinde, ist, daß es von seiner Seite keine inhaltlichen Begründungen, keinerlei Kommunikation gibt. Das empfinde ich nach wie vor als Ausdruck von Arroganz, schließlich hat sogar jeder Schwerverbrecher erstens das Recht auf Verteidigung und zweitens auf Urteilsbegründung. Nur die Leute, die sich RM und seinen Liedern besonders verbunden fühlen, werden vor den Kopf gestoßen, sind es aber anscheinend nicht wert sind, zu erfahren, warum?
Exakt

Das hängt aber vor allem damit zusammen, daß in der Vergangenheit niemals eine Gruppe das Ziel der Anwälte war, sondern immer nur Einzelpersonen. Das ist insofern klar, weil ja auch nur jene Einzelpersonen die Verantwortung für das tragen, was auf ihrer Internetpräsenz an Unsinn geschieht. Die inhaltlichen Begründungen bzw. die Kommunikation fand immer mit diesen Einzelpersonen statt. Die von Dir angesprochenen Leute waren zwar immer die Leidtragenden, wären aber im Ernstfall niemals vorm Kadi gelandet, daher hat man es anscheinend auf RM-Seite nicht für nötig befunden, offen Stellung zu beziehen - vielleicht sogar, weil man gerade im Internet die Größe einer Gruppe nur schwer einschätzen kann. Abgesehen davon gilt es im allgemeinen als unklug, wenn nicht sogar unfein, sich zu bestimmten rechtlichen Auseinandersetzungen öffentlich zu äußern.
Ich kann von morgens bis abends versuchen, Reinhard Meys Beweggründe zu verstehen, aber es bleibt letztendlich immer das Gefühl, daß man als Verehrer seines Werkes und seiner Lebensleistung in der Skala seiner Wertschätzung ganz hinten rangiert, irgendwo zwischen Politikern, Kirchenfürsten und Kinderschändern. Gleichzeitig scheint er es aber in Interviews ehrlich zu meinen, wenn er seinen Anhängern pauschale Komplimente macht und Dankbarkeit äußert. Ich kriege das einfach nicht auf einen Nenner.
An dieser Stelle ist es gut, wenn man noch eine Person X zur Verfügung hat, auf die man die Schuld schieben kann, egal, ob sie Müller, Meier oder ... was weiß ich - Perleberg oder so ... heißt

, die im Namen von Reinhard Mey handeln kann, allerdings nicht mit ihm identisch ist. In dieser Frage hätte sie zugunsten des Verlages gehandelt, möglicherweise sogar ohne das konkrete Wissen von Reinhard Mey persönlich. Dann fällt es einem auf jeden Fall leichter, die pauschalen Komplimente (nette Formulierung übrigens

) und Dankbarkeit zu glauben, die RM in der Öffentlichkeit äußert.
Naja, nicht viel neues von mir, gell... :frage:
Nein, alles beim alten
Gruß
Skywise