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von Michael
#36
Hallo,
langsam habe ich mich an „Mr. Lee“ soweit ran getastet, dass ich mir ein Urteil erlauben kann. Es ist ein so persönliches Album, dass es wehtut. Das muss wohl so sein und es ist auch in Ordnung so. Ein Album ohne richtig herausragende Stücke, aber wie ich finde, absolut aus einem Guss – ein richtiges „Album“ eben. Musikalisch unaufgeregt und ohne Mätzchen und deshalb sehr gut zu hören. Vielleicht kann man „Mairegen“, „Dann mach’s gut“ und „Mr. Lee“ als Trilogie betrachten, keine Ahnung, das können Meyologen ja mal irgendwann diskutieren.
Ich möchte wie Marc mal ein paar Gedanken zu den einzelnen Liedern formulieren:
So viele Sommer:
Ein unheimlich guter Opener, schafft sofort die Stimmung für die Platte und berührt mich direkt. Da wird man gleich auf das große Thema des Albums – die Endlichkeit – gestoßen. Vor ein paar Jahren hatte ich mal den Eindruck, dass die Liebeslieder auf den Mey-Alben zur Routine geworden sind. Aber „So viele Sommer“ (und auch schon „Wir sind eins“) sind ganz große Kunst. Es gibt so wenig gute Liebeslieder über Paare, die schon lange zusammen sind, immer nur über „junge Liebe“. Hier ist eins.
Im goldenen Hahn:
Das ist gleich einer meiner Favoriten. Ein wunderbares Bild, die etwas verrätselte Schlussstrophe wieder mit dem Motiv „Vergänglichkeit, Endlichkeit“. Ein untypisches Mey-Lied, würde von der Stimmung eher zu Hannes Wader passen.
Dr. Brand:
Ich hatte nie einen solchen Lehrer, ich hatte auch nie Latein (was ich im Studium dann büßen musste), eigentlich müsste das Lied mir fremd sein. Aber es rührt mich zu Tränen und da muss viel passieren. Als ob der gequälte unglückliche Lehrer nicht reichen würde, kommt dann diese letzte Strophe und haut einem endgültig den Boden unter den Füßen weg. Ist eine solche Person schon mal in einem Lied aufgetaucht? Ich glaube nicht.
Herr Fellmann, Bonsai und ich:
Auch das ein schwieriges Thema, aber ganz leichtfüßig gemacht, textlich und musikalisch. Das sind schon wirklich großartige Formulierungen, gerade wenn’s um den alten Mann und das Altersheim geht: frech aber nicht fies.
Lucky Laschinski:
Also, die Tierlieder sind nicht so mein Fall. Als jemand, der nie ein Haustier hatte, kann ich mich nicht richtig reinversetzen. Dass es trotzdem ein wunderbar formulierter Text ist, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Trotzdem ist es eines von zwei Liedern auf der Platte, mit denen ich nicht so warm werde.
Mr. Lee:
Das ist wirklich ein ganz starkes Lied. Spätestens mit dem Video ist das mit dem „Mr. Lee“ ja geklärt aber wie hier das Bild gezeichnet wird, der Kunstgriff mit dem Portier, die Anspielung auf „dann mach’s gut“ – ergreifend und doch bleibt es rätselhaft. Die „Havelchaussee“ verstehe ich auch nicht. Vielleicht hat sie ja nichts zu bedeuten, aber das glaube ich eigentlich nicht. Und der „weiße Elefant“, das heilige Tier? Vielleicht muss doch jemand mal die angegebene Nummer wählen.
Wenn’s Wackersteine auf dich regnet:
Sehr cool, schön erzählt, ein munteres Lied – passt doch wunderbar nach „Mr. Lee“.
Wenn Hanna lacht:
Das zweite Lied, das mich nicht so packt. Vielleicht, weil die Pointe so offensichtlich ist. Melodisch und musikalisch gefällt es mir aber gut.
Hörst du, wie die Gläser klingen:
Da hab ich erst sowas wie „Alter Freund“ erwartet und mich schon gewundert, dass es so lang ist. Aber wieder ein ganz packendes Lied. Wir können nicht zurückreisen, wir können nichts anders machen, wir schleppen die Vergangenheit mit und je älter wir werden (das merke ich sogar schon), desto mehr schmerzhafte Erinnerungen gibt es und manches wird mit der Zeit noch schlimmer. Dabei sollte man sich doch sagen: „Wenn’s Wackersteine auf dich regnet…“
Wenningstedt Mitte:
Ein schön gezeichnetes Bild. Ich finde es schön, dass in den tragischen Geschichten auch ein bisschen Humor aufscheint (Der Dackel mit dem dazugehörigen Blick). Ein anrührendes Lied – manchmal gibt’s eben doch eine zweite Chance.
Heimweh nach Berlin:
Nach den vielen eher drückenden Liedern und vor den noch viel drückenderen tut dieses richtig gut. Man könnte „Berlin“ übrigens nicht nur durch „Hannover“, sondern auch durch „Frankfurt“ ersetzen, nur die alten versifften S-Bahn-Wagen hat man hier in den vergangenen Jahren ausgetauscht.
Im Haus am Meer:
Ich wüsste auch kein Lied aus dem Mey-Repertoire, das mit diesem zu vergleichen wäre. Es ist fast eine Stephen-King’sche Atmosphäre. Packend auch das ungewöhnliche Arrangement.
So lange schon:
Ein schmerzhaftes Lied, trotz Wein und Enkelkind. Ein Lied, das – würden die Bonus-Tracks nicht folgen - schwer zu ertragen wäre. Es ist hier schon darüber gesprochen worden, ob das Lied zu voyeuristisch und zu intim sei. Ich finde nein: wir waren bei der „ersten Stunde“ dabei, haben bei „What a lucky man you are“ mit am Tisch gesessen, bei „Aller guten Dinge sind drei“ gelacht und wegen der „Schweren Wetter“ gebangt. Wir müssen diese Sache jetzt aushalten, es geht nicht anders.
Zeit zu leben:
Ich kannte das Lied nicht, bin bei Klaus Hoffmann aber nicht so bewandert. Es ist ein starker Punkt nach „So lange schon“ – und wunderbar schwebend arrangiert.
Lavender’s Blue:
Was für ein toller Ausklang. Das ist nicht einfach ein rangeklatschter Bonus-Track, sondern ein Statement für die Liebe – wie könnte ein solches Album besser enden?
Also kurz und knapp (oder wie man heute kürzelt: tl;dr): Ein großartiges Album.
Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt