Beitrag
von clabauter
#4
Hallo in die Runde,
eine alte, aber dennoch immer noch interessante Diskussion, finde ich.
Früher (etwa vor fünf Jahren) war ich Befürworter einer Deutschquote. Mittlerweile glaube ich, dass sie nicht das bewirken würde, was sich ihre Verfechter wünschen: mehr Qualität. Vermutlich würden die von der Quote betroffenen Sender an der einfachsten Schraube drehen und die Rotation jener deutschsprachigen Lieder, die jetzt schon alle zwei Stunden laufen, noch ein wenig erhöhen. Wer glaubt, eine Quote helfe jungen, noch unbekannten Musikern, ins Radio zu kommen, der irrt, fürchte ich. Ebenso ist es töricht, zu hoffen, durch eine Quote liefen plötzlich Reinhard Mey, Bodo Wartke oder Konstantin Wecker in den 'Morningshows'.
Etwas zynisch sei hier noch angemerkt, dass sich bei einer Quote die Frage stellte, ab wann ein Lied als 'deutschsprachig' gilt ... Wie sieht es zum Beispiel damit aus: „Ich bin ich und Du bist Du. Du gehörst zu mir dazu.“?
Eine der Fehlentwicklungen der letzten Jahre ist, dass auch die ÖR-Sender sich ganz klar dem Wettbewerb verschrieben haben, sprich: Quote.
Genau. Und das müssen sie, wie Du richtig schreibst, nicht. Ein öffentlich-rechtlicher Sender darf und muss es sich leisten, auch mal (das soll er ja nicht den ganzen Tag lang tun) Programme für Minderheiten anzubieten.
Eine Ursache des Problems ist nach meiner Wahrnehmung, dass zumindest die Mainstreamwellen der Öffentlich-Rechtlichen ihre Moderatoren mittlerweile fast ausschließlich bei den Privaten akquirieren. Die können sich zwar alle meisterhaft selbst darstellen und schnacken, dass die Quote platzt, aber eben nur sehr vereinzelt wirklich moderieren, also Inhalte in verständlicher Sprache vermitteln.
Folge dessen ist, dass Moderatoren mit der Fachkompetenz eines Peter Urban heute weitgehend ausgestorben sind.
Wenn sie sich nun nach Marktregeln verhalten, also doch auf die Quote glotzen, dann können wir auch die GEZ abschaffen.
Zumindest ließe sich möglicherweise viel Geld durch die Abschaffung überflüssiger Sender einsparen:
Einst gab es hier im Norden NDR 2 als überregionales Pop/Rock-Mainstream-Programm. Außerdem hatte jedes Bundesland im NDR-Gebiet seinen eigenen Sender: NDR 1 Welle Nord (SH), 90,3 (HH), NDR 1 Radio MV (MV) und NDR 1 Niedersachsen. Diese Sender zeichneten sich durch ihre große Kompetenz bei der Regionalberichterstattung aus und spielten hauptsächlich Schlager und Oldies. Als Institutionen gibt es diese Sender immer noch, aber:
Wenn ich heute im Auto die Nase voll habe von NDR 2, schalte ich um auf die Welle Nord und höre: NDR 2. Zumindest, was die Musik angeht: Queen, Lady Gaga und seit Neuestem sogar Aura Dione (nichts gegen die Künstler, es geht mir um die Musikfarbe des Senders). Dazwischen gibt es Regionalnachrichten in ultrakompakter Form und geschliffener Privatradiosprache und ansonsten jede Menge Claims, Gewinnspiele, Gute-Laune-Moderationen (wenn nicht gerade die beiden letzten, wirklich guten Urgesteine am Mikrofon sind) sowie endlose Jingles, in denen mir Leute erzählen, dass sie den ganzen Tag lang nur diesen Sender hörten. Ich frage mich: Wofür brauche ich den noch, wenn ich die Musik auch bei NDR 2 hören und für ganz ähnliche Moderationen zwischen gleich mehreren Privatsendern wählen kann?
Als Träumer denke ich immer: Vielleicht würde ein Warnschuss seitens der Politik (lautes Nachdenken über die Schließung eines solchen Senders, um GEZ-Gebühren zu sparen) ja doch etwas zum Positiven verändern.
Vorläufiges Fazit meines Nachdenkens über dieses Thema: Jetzt über eine Deutschquote zu diskutieren ist so, als stünde ich vor meinem bis auf die Grundmauern heruntergebrannten Haus und riefe: „Neue Gemälde an den Wänden wären ganz schön.“
Zuhause habe ich eine schöne CD-Sammlung und im Auto höre ich kein Radio mehr. Die Privaten aus Prinzip nicht und die Öffentlich-Rechtlichen (Vollprogramme mit Musik) nicht, weil sie sich von den Privaten nicht mehr unterscheiden. Dabei lege ich Wert darauf, keiner zu sein, der nur nach seiner Lieblingsmusik schreit. Wenn das Programm ansonsten stimmt, „ertrage“ ich etwa im Auto so ziemlich alles außer Techno und Metal.
Da ich nicht mit einer Rundum-Kritik schließen möchte, will ich am Ende ausdrücklich den Deutschlandfunk als Leuchtturm in der Radiolandschaft loben und mich an eine schöne Sendung mit Jens Kommnick erinnern, die im vergangenen Jahr auch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender lief. Es gibt sie also vereinzelt noch, die Perlen, für die es sich lohnt, GEZ zu zahlen.
Grüße vom
clabauter
Dieser Beitrag enthält 746 Wörter