Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Gast »

Ich möchte heute einmal einen Versuch der Diskussion über das letzte Kreativ-Thema starten. Die einzige Reaktion, die ich auf meinen (Lied-)Textbeitrag erhielt kam von Clemens, der die Umsetzung unangemessen fand.
Nun ist es so, dass mich das Thema "Körperwelten" und die damit im Zusammenhang stehenden ethisch-moralischen Einstellungen schon längere Zeit beschäftigt haben. Meiner Meinung nach handelt es sich bei der Körperweltenausstellung um eine Art Inszenierung, die mir nicht angemessen für den Umgang mit Toten erscheint. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei Weitem nicht so viel Zulauf bei dieser Ausstellung geben würde, handelte es sich um plastische Nachbildungen, also nicht um tote Körper.
Ich bin mir dessen bewusst, dass es unterschiedliche Motivationen gibt, die Ausstellung zu besuchen. Ein Argument ist, dass die Leute sich für die menschliche Anatomie interessieren, die dort in einzigartiger Weise zu sehen ist. Vermutlich ist das Verfahren der Plastination auch für die Medizin nicht uninteressant, gerade was die Ausbildung von Ärzten betrifft.
Dennoch glaube ich, dass bei der Ausstellung der Voyeurismus eine entscheidende Rolle spielt und dass die Grenzen des Vertretbaren durch die breite Akzeptanz der Art und Weise, wie dort die Körper "ausgestellt" sind, überschritten werden.
Im Bereich der Haustiere gibt es bereits die Möglichkeit, das verblichene Tier präparieren zu lassen, mit nach Hause zu nehmen und dekorativ in der Wohnung zu plazieren. (Auch da gibt es schon Empfindlichkeiten bei den Haustierbesitzern, da die Präparate so echt wirken, dass sie sich z.T. gruseln).
Wenn eine menschliche Hülle zu einem Objekt gemacht wird, wie es in dieser Ausstellung passiert, wo den Menschen jede Scheu verloren geht (und neben den Präparaten fröhlich ihr Wurstbrot essen), dann macht mich das stutzig. Das hat nichts mit der Verdrängung des Todes zu tun, ich glaube, da haben wir heute einen Nachholbedarf im Gegensatz zu früher. Im Normalfall ist es doch so, dass man nach dem Tod eines Menschen die Möglichkeit hat, ihn (im Idealfall, wie es in meiner Familie auch schon geschehen ist) noch eine angemessene Zeit bei sich zu behalten um sich zu verabschieden. Niemand würde auf die Idee kommen, am Wochenende einen Ausflug in die Leichenhalle zu unternehmen, um sich Tote anzuschauen. Natürlicherweise gibt es beim Menschen auch bestimmte Hemmschwellen, allein schon durch den Prozess der Verwesung. Diese Hemmschwellen schwinden aber (meiner Meinung nach) mit dem "Versachlichen" des toten Körpers zum Objekt.
Um auf meinen Liedbeitrag zu kommen. Ich glaube (jetzt mal abgesehen davon, dass es ohne Musik immer auch etwas schwieriger ist, sich auf den Liedtext einzulassen), dass die Respektlosigkeit, mit der ich das Thema angegangen bin, vielleicht unpassend erscheint. Für mich ist diese Überspitzung ein Mittel, um auf den unpassenden Umgang im Beispiel Körperwelten aufmerksam zu machen. Und das tue ich, indem ich das aufgreife und pointiere, was ich vorfinde.
Ich habe mich beim Thema übrigens auch an Zeiten des dritten Reichs erinnert, in denen z.B. die Haut von Juden zu Lampenschirmen verarbeitet wurden. Wie konnte so etwas geschehen? Meiner Meinung nach darum, weil man die jüdische Bevölkerung auf eine andere (niedrigere) Stufe als die anderen Menschen gestellt hat und damit die Hemmschwelle nicht mehr da war. (Juden sind keine Menschen oder zumindest mindere Menschen, die man wie Tiere behandeln kann). Der Mechanismus scheint mir hier ähnlich zu sein, auch wenn hier natürlich nicht getötet wird.
Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich meine Texte nicht der bloßen Provokation wegen schreibe, sondern dass sich hinter den Texten ernstgemeinte Motivationen verbergen. In gewisser Weise steckt in diesem Vopo-Text eine sozialkritische Betrachtung, wenn auch der Vopo selbst mehr der Aufhänger für diese Geschichte war.
Was meint ihr?
Gruß, Bianca
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Michael
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Michael »

Was für'n Text? Wo isser denn? Stell ihn doch noch mal hier rein, dann muss man nicht suchen.
Der faule Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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Holtzwurm
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Holtzwurm »

Ja, dafür wäre ich auch. Hab den Beitrag nämlich mit Interesse gelesen und würde mir den Text auch gerne zu Gemüte führen :-)
Zu dem Beitrag hier: Das spricht mir ziemlich aus der Seele - ich könnte es problemlos unterschreiben.
Lieben Gruß,
Lisa
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Skywise
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Skywise »

Nun ist es so, dass mich das Thema "Körperwelten" und die damit im Zusammenhang stehenden ethisch-moralischen Einstellungen schon längere Zeit beschäftigt haben. Meiner Meinung nach handelt es sich bei der Körperweltenausstellung um eine Art Inszenierung, die mir nicht angemessen für den Umgang mit Toten erscheint. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei Weitem nicht so viel Zulauf bei dieser Ausstellung geben würde, handelte es sich um plastische Nachbildungen, also nicht um tote Körper.
Mach' Dir eine Sache bewußt: Deine ethisch-moralische Einstellung rührt auch von Deiner Erziehung her. Diese Erziehung beruht auf einer Entdeckung in der Vergangenheit, die ins moderne Deutsch übersetzt lautet: Leichen sind im Prinzip unhygienisch und gehören so schnell wie möglich beseitigt, bevor sich Krankheitserreger und andere ungesunde Dinge darin vermehren können.
Tatsache ist jedoch, daß es früher gar nicht mal so unüblich war, Leichen zur Schau zu stellen (und das gilt nicht nur für's ach so wilde Afrika, sondern auch für Europa). Und jetzt kommt der Witz - das geschah auch meistens aus moralischen oder sogar christlichen Gründen. Angefangen von den Leichen der Selbstmörder, die man unbeerdigt in irgendwelchen ungeweihten Ecken stapelte und sie einfach mal verkommen ließ bis hin zu - alles wahr! - dem Kapuzinerkloster zu Brno in Mähren, in dem man die Leichen der verschiedenen Brüder in die Krypta legte, um sie dort verfallen zu lassen und gelegentlich zwischen den toten Körpern oder was davon übrig war hin- und herzuwandeln, um sich der Kürze des eigenen Lebens bewußt werden zu können. In St. Immacolata in Ischia Ponte war es sogar noch Sitte, daß die toten Äbtissinnen so lange am Gottesdienst teilnahmen, bis die Statik es nicht mehr zuließ und sie auseinanderfielen. Zurück nach Böhmen in die Kirche Kostnice zu Kutna Hora, in der die gesamte Einrichtung aus den Knochen von Pestopfern gefertigt wurde, vom Wappenschild bis zum Altarschmuck, In Indonesien gab es laneg Zeit den Brauch, daß die Leichen mit zur Familie gehörten, also wurde ihnen sogar noch Essen aufgetischt, bei den ollen Kelten gab es den interessanten Brauch, für das eigene Heim einen Schutzgeist zu beschaffen. Das tat man meistens, indem man einen eigens dafür umgebrachten Passanten innerhalb des Hauses verfaulen ließ. In vielen christlichen Gegenden war es noch bis ins letzte Jahrhundert hinein üblich, drei Tage lang Totenwache zu halten und sich an den Anblick des Toten zu gewöhnen, um leichter von ihm Abschied nehmen zu können ... besondere Ironie: die Toten waren zu diesem Zeitpunkt immer noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, denn wenn man einem Toten die Schreibfeder in die Hand drückte und diese dann führte, war die Unterschrift auch noch rechtens. In früheren Jahrhunderten konnte sich die Totenwache sogar noch über drei Wochen ziehen, wer sich's leisten konnte, balsamierte den Körper notdürftig ein, damit alle Verwandten und Bekannten noch Abschied von ihm nehmen konnten ... ich könnte noch eine Weile weitererzählen ...
Der Tod war früher ein fester Bestandteil der Gesellschaft, während er heutzutage eher "totgeschwiegen" wird.
Dennoch glaube ich, dass bei der Ausstellung der Voyeurismus eine entscheidende Rolle spielt und dass die Grenzen des Vertretbaren durch die breite Akzeptanz der Art und Weise, wie dort die Körper "ausgestellt" sind, überschritten werden.
Teilweise gebe ich Dir Recht. Was hältst Du von der Meldung, daß zwei TV-Ereignisse geplant werden, für die Körperspender gesucht werden? Zum einen eine Live-Sezierung im TV, zum anderen eine Dokumentation über den Verwesungsprozess einer Leiche?
(kein Gag, diese Planungen existieren tatsächlich - das ging vor ein paar Tagen durch die Presse)
Gruß
Skywise
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Beitrag von Gast »

Hallo,
hier der Link zum Text:
Kreativthema Vopo
Gruß, Bianca
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Gast »

Hallo Skywise,
danke für deine Gedanken. Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass meine Einstellungen auch ein Produkt meiner Erziehung und des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema Tod sind.
Du hast ja eine ganze Reihe von Beispielen genannt, wie zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen mit der Thematik umgegangen wurde.
Wie ich schon in meinem ersten Wortbeitrag sagte, geht es mir nicht um die Tabuisierung des Todes. Das Leben (und Sterben) mehrerer Generationen unter einem Dach, das Abschied nehmen vom Toten im Familienkreis (Totenwache) ist selten geworden, das meinte ich mit meiner Bemerkung, wir hätten diesbezüglich Nachholbedarf. Alte Menschen sterben nur noch selten im Kreise ihrer Familie, eher in einer Pflegeeinrichtung, im Krankenhaus oder auch einsam zu Hause.
Aber wenn du schon auf die vielen unterschiedlichen Rituale mit dem Tod umzugehen verweist, frage ich mich, ob nun gerade diese Ausstellung dazu führt, dass man den Tod weniger tabuisiert. Ich glaube, es findet hier eine Wahrnehmungsverschiebung statt. Schließlich sind es keine Menschen, die man persönlich kennt, die dort "ausgestellt" sind, es geht nicht um das Abschied nehmen von einer vertrauten Person. Die Art und Weise der Darstellung dieser "Präparate" führt ja eigentlich eher dazu, dass man diese Leichen nicht mehr als menschliche Hüllen sondern als Objekte wahrnimmt.
Das Aufbrechen der Tabuisierung des Todes kann nicht dadurch stattfinden, indem man ihn in dieser Form zur Schau stellt. Dadurch wird der Einzelne m.E. in keiner Weise auf den Tod eines Angehörigen und den notwendigen Trauerprozess vorbereitet. Genauso wenig, wie die heutezutage alltägliche Sexualisierung in den Medien letztlich nicht unbedingt dazu geführt hat, dass die Leute mit dem Thema "Sexualität" freier und ungehemmter umgehen.
Nochmal meine Frage: Würden die Menschen in Strömen die Ausstellung besuchen, wenn es sich um künstlich nachgebildete Objekte handelte? Ich glaube weiterhin nein!
Und eine weitere Frage: Wo sind denn die Grenzen zu ziehen? Wie weit ist es noch bis zu dem Schritt, dass man seine Toten plastiniert im Wohnzimmer sitzen hat? Wenn eine Ausstellung dieser Art o.k. ist, warum dann nicht auch der Privatbesitz solcher Plastinate?
Gruß, Bianca
...die sich über weitere Beteiligung zum Thema freuen würde...
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Holtzwurm
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Holtzwurm »

Hallo Bianca,
wollte schon längst was dazu gesagt haben, aber manchmal lässt die Zeit das nicht immer so zu, wie man gerne möchte ...
Also, ich hab mir deinen Liedtext angesehen, und ich muss sagen, der gefällt mir ziemlich gut. Witzig auf den ersten Blick, hintergründig auf den zweiten - das sind Texte, die ich mag.
Deine Einstellung zu dem Thema teile ich auch - ziemlich genau sogar. Das, was ich zu Skywise's Ausführungen hatte sagen wollen, hast du im Grunde schon gesagt, darum schenke ich mir eine Wiederholung mit eigenen Worten.
Die Auseinadersetzung mit dem Tod im eigenen Umfeld ist m. E. eine komplett andere Sache als die Darstellung von toten Körpern zur allgemeinen "Belustigung" (auch das Wort ist natürlich absichtlich überzogen hier). Bei all den Dingen, die Skywise aufzählt, geht es um irgendeine persönliche Beziehung zu der toten Person - und das ist der große Unterschied zu dieser so befühmten Ausstellung. Abschied nehmen ist eine weit verbreitete und sicher auch gute Form, mit Toten umzugehen - aber (jedenfalls heutzutage) das ist eine Sache von 2 oder 3 Tagen und hat auch einen Sinn.
Tote Körper aber, anstatt sie zu beerdigen und damit den Angehörigen auch die Möglichkeit einer Gedenkstätte zu geben, ganz oder teilweise (im wahrsten Sinne des Wortes ...) auszustellen, entspricht meiner Meinung nach nicht der Würde des (toten) Menschen. Ich weiß schon - manche Angehörige haben ihr Einverständnis dazu gegeben, andere Leichen wurden auf Grund des eigenen Einverständnisses hier verarbeitet. Aber man stelle sich vor, die eigene Mutter, den Bruder, die Tochter, den Ehemann ... statt auf dem Friedhof in einem Museum zu besuchen und in seine toten Augen zu schauen - oder zur Abwechslung mal in sein Innenleben ... Mehr muss man dazu, glaube ich, nicht sagen ...
Gibt's dein Lied irgendwie auch musikalisch zu hören? Das würde mich noch interessieren - und sowas sollte viel öffentlicher bekannt gemacht werden ...
Lieben Gruß,
Lisa
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Nordlicht
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Kreativthema Vopo - Körperwelten. Grenzen überschritten?

Beitrag von Nordlicht »

Hallo, Ihr Alle !
Ich verfolge die Diskussion hier mit einem gerüttelt Maß an Interesse - und auch mit einer gewissen Dosis an Unverständnis. Dies aus mehreren Gründen.
Mir erschließt sich der Zusammenhang von "Körperwelten" und "VoPo" nämlich nicht so recht, zumal da ja auch noch der Popo hineinspielt. Es ist dies alles eine nette Reimerei und ein wenig zum Schmunzeln, es ist mit Sicherheit auch ein Ergebnis von Kreativität. Nur - so frage ich mich - : was soll´s ? Das Thema "VoPo" - und damit die Beschäftigung mit der Staatsmacht im real existierenden Sozialismus - ist mir persönlich viel zu ernst, um es in einem mehr oder weniger läppischen Kontext darzustellen. Ich behaupte ja nicht einmal, daß "der" Vopo keinen Popo hatte. Aber ich behaupte, daß diese Tatsache denen, die näher mit VoPos zu tun gehabt haben, höchst gleichgültig im Vergleich zu all dem anderen ist, was "die" Vopos eben auch hatten: Zwang, Druck, psychische Folter etc.pp.
Bei dieser Diskussion hier geht es Euch aber nunmehr hauptsächlich um die "Körperwelten" des Günter von Hagens. Und ich glaube, man sollte da doch zumindest ein klein wenig differenzieren. Zunächst einmal hat von Hagens das von ihm verwendete Verfahren der "Plastination" wesentlich mitentwickelt und damit einen Beitrag zur medizinischen Fortentwicklung geleistet. Das ist die Aufgabe eines Anatomen, wage ich zu behaupten. Und im Gegensatz zur Mehrheit von Euch denke ich schon, daß man aus der Ausstellung einiges an Wissen und Dazugelerntem mit nach Hause nehmen kann. Immerhin gibt es hier die menschliche Anatomie so zu sehen - und auch zu bestaunen und zu bewundern -, wie sie die meisten von uns ohne die Ausstellung mit Sicherheit niemals zu sehen bekommen hätten. Man kann sicherlich über gewisse "Posen" der Exponate streiten - obwohl ICH den Reiter auf dem Pferd exorbitant finde -, aber es ist natürlich auch ein wenig der Zeitgeist, dem auf solchen "Events" Rechnung getragen wird. Auf der anderen Seite kann ich es den Veranstaltern des "Körperwelten" auch nicht unbedingt übel nehmen, daß sie mit ihrer Ausstellung Gewinn machen wollen. Aber im Wesentlichen halte ich das Anliegen und auch die Durchführung dieser Veranstaltung für durchaus legitim - und gelungen.
Der "Ekel" oder zumindest der Widerstand, den der eine oder andere empfinden mag, liegt meines Erachtens in der Tatsache begründet, daß uns der unbefangene Umgang mit Toten im Laufe der Vergangenheit peu a peu verloren gegangen ist. Für die meisten von uns zählt der Tod nur als Ende des eigenen Lebens und nicht als Bestandteil desselben. Insofern kann man die "Körperwelten" bei aller Kritik doch durchaus auch als Chance sehen, ein wenig dagegenzuhalten.
Nach meinem Kenntnisstand werden übrigens nur Körper verwendet, die die Verblichenen selbst dem Herrn von Hagens vermacht haben. Es waren nachweislich Menschen darunter, die eine posthume Ausstellung ausdrücklich einem "endgültigem Verscharren" vorgezogen haben.
Ich kenne auch die Vorwürfe, die gegen von Hagens erhoben werden und die darauf hinauslaufen, daß in einigen Staaten Leichen illegal verwendet wurden. Dazu kann ich nichts sagen, allerdings sind diese Vorwürfe mittlerweile wieder leiser geworden bzw. ganz verstummt und bislang nicht handfest bewiesen. Zumal die "Vorwerfer" durch die Bank Motive hatten, die regelmäßig den eigenen, zumeist finanziellen, Bereich betrafen.
Wie dem auch nun immer sei: Auch jetzt noch sehe ich zwei Themenbereiche im "VoPo"- Text, die im Wesentlichen nichts miteinander zu tun haben. Und so will ich nochmals meine schon eingangs gestellte Frage wiederholen: Was soll´s ? Oder besteht die Kreativität darin, zwei Sachen so zu verflechten, daß es komisch oder burlesk wirkt ? Dann allerdings ist es gelungen... :-D
Nehmt´s mir nicht übel, vielleicht bin ich ja auch nur resistent gegen solche Art von Kreativität...
Trotz allem liebe Grüße aus Oberösterreich,
ANDREAS.

(...der allerdings nach seinem Ableben auch nicht unbedingt im "Museum" stehen möchte...)
Dieser Beitrag enthält 646 Wörter
Ja, ich hab' einen Traum von einer Welt
und ich träume ihn nicht mehr still:
Es ist eine grenzenlose Welt,
in der ich leben will!

(''Ich hab' einen Traum''/ Konstantin Wecker)

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Beitrag von Gast »

Hallo Nordlicht,
vielleicht sollte ich der Antwort zu deinem Beitrag noch einmal voranstellen, dass mein Liedtext sich auf das von Udo Lindenberg und Nina Hagen in den 80er Jahren gesungene "Vopo"-Lied bezieht. Die erste Strophe und der Refrain sind Originalzitat aus dem Stück. Damals bestand der Text nur aus dieser ersten Strophe und dem Refrain, wobei sowohl Nina Hagen als auch Udo Lindenberg den gleichen Text auf zwei Seiten der Mauer sangen. Witzig fand ich an diesem Stück schon immer die gewisse Respektlosigkeit und den demonstrativ unpolitisch gehaltenen Text.
Die "kreative Aufgabe" bestand nun darin, den Text fortzuführen und auch hier sagte ich bereits, dass letztlich der Vopo "nur" der Aufhänger für das Thema "Körperwelten" war. Insofern würde ich deiner Vermutung zustimmen, wenn du sagst:

Oder besteht die Kreativität darin, zwei Sachen so zu verflechten, daß es komisch oder burlesk wirkt ?


Damit ist vielleicht auch deine Frage nach dem Zusammenhang der beiden Themen geklärt. Unbestritten ist natürlich, dass man in Bezug auf das Thema Vopo noch ganz andere Zusammenhänge finden und darstellen kann.

Bei dieser Diskussion hier geht es Euch aber nunmehr hauptsächlich um die "Körperwelten" des Günter von Hagens. Und ich glaube, man sollte da doch zumindest ein klein wenig differenzieren. Zunächst einmal hat von Hagens das von ihm verwendete Verfahren der "Plastination" wesentlich mitentwickelt und damit einen Beitrag zur medizinischen Fortentwicklung geleistet. Das ist die Aufgabe eines Anatomen, wage ich zu behaupten. Und im Gegensatz zur Mehrheit von Euch denke ich schon, daß man aus der Ausstellung einiges an Wissen und Dazugelerntem mit nach Hause nehmen kann. Immerhin gibt es hier die menschliche Anatomie so zu sehen - und auch zu bestaunen und zu bewundern -, wie sie die meisten von uns ohne die Ausstellung mit Sicherheit niemals zu sehen bekommen hätten.


Ich denke, das habe ich in meinem Beitrag ähnlich differenziert beschrieben, wie du es hier anmerkst.
Bianca

Ich bin mir dessen bewusst, dass es unterschiedliche Motivationen gibt, die Ausstellung zu besuchen. Ein Argument ist, dass die Leute sich für die menschliche Anatomie interessieren, die dort in einzigartiger Weise zu sehen ist. Vermutlich ist das Verfahren der Plastination auch für die Medizin nicht uninteressant, gerade was die Ausbildung von Ärzten betrifft.

Nordlicht schrieb:

Der "Ekel" oder zumindest der Widerstand, den der eine oder andere empfinden mag, liegt meines Erachtens in der Tatsache begründet, daß uns der unbefangene Umgang mit Toten im Laufe der Vergangenheit peu a peu verloren gegangen ist. Für die meisten von uns zählt der Tod nur als Ende des eigenen Lebens und nicht als Bestandteil desselben. Insofern kann man die "Körperwelten" bei aller Kritik doch durchaus auch als Chance sehen, ein wenig dagegenzuhalten.

Auch das ist ein Aspekt, den ich in der Diskussion durchaus berücksichtigt habe, die Empfindungen bezüglich der Grenzen sind sicherlich bei jedem anders. Nachweislich sind ja auch sehr viele Besucher in die Ausstellung gegangen, deren Einstellung eine andere war. Ich stelle hier lediglich meine persönlichen Wertungen und Empfindungen dar, von denen ich natürlich nicht erwarte, dass sie allgemeingültig sind.
Die Frage nach unlauteren und illegalen Praktiken bei der Beschaffung der Exponate war mir bei diesem Thema gar nicht in den Sinn gekommen...
Danke für deinen Beitrag und resistente Grüße nach Oberösterreich :wink:
@ Holtzwurm
Danke auch für deinen Beitrag. Das Stück ist noch nicht aufgenommen, aber schon auftrittserprobt und ruft sehr interessante, ambivalente Reaktionen hervor. Da ich "im Osten" lebe, wo das Vopo-Thema ja auch eine besondere Brisanz hat, umso spannender. Wenn wir das Stück aufgenommen haben, werde ich es mal ins Forum stellen. Kann aber noch einen Moment dauern...
Gruß, Bianca
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Sago_Ph
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Beitrag von Sago_Ph »

Tach zusammen, war lange nicht mehr da.
Ich habe nicht die ganze Diskussion gelesen, aber den Vopo-Plastinat-Text schon.
Ich habe lange nachgedacht über die Frage, was an Plastinaten so ungeheuerlich sein kann. Meine Idee: es ist die Unmöglichkeit, dass der Leichnahm in die Natur zurückkehrt, sich auflöst. Wenn ich ein Platinat sehe, hat das nichts mit Tod zu tun, auch nichts mit Menschen, denn denen ist doch die Verwesung nach dem Tod zu eigen. Aber Plastinate rotten nicht, sie riechen nicht, sie fühlen sich auch nicht an wie lebende Materie.
Wenn ich mir angucke, wie sehr manche DDR-Eigenheiten heute immer noch künstlich-platiniert-erigiert aufbewahrt werden, dann kommt mir das fast vor wie ein verweigerter Verwesungsprozess. Sind denn nicht die Eswarnichtallesschlecht-Mahner und Teile der der PDS allesamt plastinierte DDR-Funktionäre mit permanent erigiertem Zeigefinger...??
O o o... ich diskutiere auf dünnem Eis. Haut mich!
Also, Bianca, viel Spaß mit dem Plastikteil.
Gruß, Sago_Ph
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Beitrag von Gast »

Lieber Sago_Ph,
deine Beiträge habe ich vermisst!!

Wenn ich mir angucke, wie sehr manche DDR-Eigenheiten heute immer noch künstlich-platiniert-erigiert aufbewahrt werden, dann kommt mir das fast vor wie ein verweigerter Verwesungsprozess. Sind denn nicht die Eswarnichtallesschlecht-Mahner und Teile der der PDS allesamt plastinierte DDR-Funktionäre mit permanent erigiertem Zeigefinger...??


Eine skurrile, aber auch witzige Assoziation zu meinem Text!
:-D Die von dir erwähnte Spezies der erigierten Zeigefingermahner gibt es übrigens auch in vielen anderen Bereichen. Das wäre mal ein extra Thema wert...
Liebe Grüße,
Bianca
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Benutzer 141 gelöscht hat dieses Thema gestartet
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Beitrag von Benutzer 141 gelöscht »

Hallo Bianca und alle anderen Anatomieinteressierten,
ich habe diesen Thread zwar jetzt erst entdeckt (für das Internet sind ja 3 Wochen schon eine Ewigkeit), aber meinen "Senf" muss ich trotzdem noch dazu loswerden. Alldieweil mich dieses Thema nämlich auch schon einige Zeit beschäftigt. Zwar ist es richtig, dass wir in unserer Gesellschaft den Tod ziemlich gründlich zu verdrängen versuchen (da haben einige Hinweise darauf sicherlich ihre Berechtigung), aber für mich ist diese Art von Leichenschau nur Leichenfledderei im wahrsten Sinne des Wortes. Herr von Hagen versteht sich als Künstler (sozusagen der Joseph Beuys der Nekrophilie) aber ich sehe diese "Kunst" in der gleichen Reihe wie manche anderen kulturellen Ergüsse, die um des Mammons willen, nur grenzverletzend sein wollen. Unsere Spaß- und Eventkultur geilt sich an jeder Tabuverletzung auf (Big Brother läßt grüßen) und vergisst, dass es Grenzen gibt, die mit Bedacht gezogen worden sind. Ich kann die absolut notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod bestimmt nicht durch den Besuch der Körperweltenausstellung positiver gestalten. Das wäre ungefähr für mich so hilfreich, wie der Versuch ein Verständnis über Erotik durch bloßes Konsumieren von harter Pornografie zu finden. Natürlich ist man fasziniert von solchen Dingen (der Werbespruch der "Leichentournee" heißt ja auch:"die Faszination des Echten") Aber ich stelle mir z.B. vor, wie es wäre, wenn mein eigener (schon gestorbener) Vater plastiniert vor mir stehen würde (womöglich noch effektvoll auf einem Pferdekadaver drapiert) Zum Thema: Auseinandersetzung mit dem Tod gehört nicht nur das voyeuristische Anschauen von Leichenteilen, sondern die Begegnung mit den sterbendene Menschen, die Auseinandersetzung mit den dabei entstehenden Gefühlen und - danach - auch das Erleben der toten Hülle, die ein Mensch nach dem Sterben zurücklässt. Das Auseinanderschneiden der Körper isoliert betrachtet ist genausowenig eine vollständige Auseinandersetzung mit dem großen Thema Tod, wie das alleinige Betrachten des Geschlechtsaktes (siehe obiges Beispiel) um das allumfassende Thema Liebe zu verstehen.
Es wurden einige interessante Hinweise auf andere Zeitalter oder Kulturen gegeben, die zeigen, dass man unterschiedlich mit der Hülle, die der Mensch zurücklässt, umgehen kann. Aber das der Kontext, in dem dies stattgefunden hat, ein ganz anderer ist, muss auch beachtet werden. Mönche, die eine Leiche lange liegenlassen, wollen sich die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen halten und haben bestimmt keine Ambitionen anatomische Einblicke in unbekannte Körperregionen zu finden. Hier geht es um Religion und das Grundbedürfnis des Menschen sich mit der unausweichlichen Tatsache seines nahekommendes Todes zu beschäftigen.
Fazit: Ich sehe durch diese Art der Vermarktung von Körpern die Menschenwürde verletzt.
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Beitrag von Clemens »

Hallo Ihr alle,
ich freue mich sehr darüber, dass sich endlich Biancas Wunsch erfüllt, indem wir den Text ihres Liedes bedenken und besprechen.
Ich habe das Lied (im Gegensatz zu anderen ihrer Lieder) nicht gemocht und es deshalb "links liegengelassen". Das hat mich nicht gehindert die Beiträge hier zu lesen. Und jetzt kann ich, trotz gebliebener Vorbehalte, mich über seine Wirkung freuen.
@ Philipp
Und noch einmal Freude für mich - von Dir zu hören.
eine Anmerkung zu
Eswarnichtallesschlecht-Mahner und Teile der der PDS allesamt plastinierte DDR-Funktionäre mit permanent erigiertem Zeigefinger...??

Keine Prügel - Du hast recht.
Mein Vater saß in Staasihaft und ich bin gewiss kein Anhänger der Verbrechererben.
Traurig genug, dass wir uns von denen sagen lassen müssen, dass es auch Gutes gab. Das gab und gibt es überall unter Menschen.
Und vielleicht tuen uns ein paar gute Mahner so not wie Seher.
Liebe Grüße von Clemens :-)
Dieser Beitrag enthält 158 Wörter
...gebt mir einen Pass, wo „Erdenbewohner“ drin steht. Einfach nur „Erdenbewohner“ ... (Dota Kehr)
Was Du verschenkst, Momo, bleibt immer Dein Eigen; was du behältst, ist für immer verloren! (Eric-Emmanuel Schmitt)

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