Gundermann gestern im Ersten

Bild
Der Liedermacher Gerhard Rüdiger Gundermann (* 21.2.1955, 21.06.1998, Spreetal) galt für viele Ostdeutsche nach der Wiedervereinigung als Sprachrohr. Seine Lieder beschäftigten sich meist mit sozialen und persönlichen Thematiken.
Benutzeravatar
fille hat dieses Thema gestartet
Moderator/in
Moderator/in
Beiträge: 2816
Registriert: Mo 27. Sep 2004, 10:56
Themen: 463
Danksagung erhalten: 10 Mal

Gundermann gestern im Ersten

#1

Beitrag von fille »

Hallo zusammen,

gestern kam Gundermann zur besten Sendezeit im Ersten. Leider mit 20 Minuten Verspätung.
Corona muss sich aber auch überall dazwischen drängen.

Wir haben uns den Film angeschaut. Wir hatten ja Gundermann erst 2005 beim LT in Wien
erstmals kennengelernt. Vorher hatte ich nicht gewusst, dass es einen Liedermacher dieses Namens
gibt.

Zum Film: War sehr interessant, wenn auch die dauernden Zeitsprünge etwas verwirrend
waren. Na gut, an der Brille hat man gesehen, in welcher Zeit es gerade spielt. Seine Lieder
im Rhythmus des Schaufelradbaggers :-)… Es gibt einige, die mir sehr gut gefallen.
Mir ist auch dies und jenes bekannt vorgekommen. Habe ich wahrscheinlich bei diversen LT's
gehört. Am besten gefällt mir jenes mit dem Refrain "Wir haben uns so sehr darauf gefreut
und jetzt ist es fast vorbei". Heißt es auch so?

Übrigens, die roten Hosenträger haben hohen Erinnerungswert an einen LT-Teilnehmer, der
sich in letzter Zeit sehr rar gemacht hat. :-)

Wer hat den Film noch gesehen?

Liebe Grüße, Marianne
Dieser Beitrag enthält 172 Wörter


There is a crack in everything
That's how the light gets in

Leonard Cohen

Benutzeravatar
Skywise
Moderator/in
Moderator/in
Beiträge: 1642
Registriert: Di 28. Okt 2003, 23:52
Themen: 72
Hat sich bedankt: 1 Mal
Danksagung erhalten: 3 Mal

Gundermann gestern im Ersten

#2

Beitrag von Skywise »

fille hat geschrieben:
Do 1. Okt 2020, 11:24
Wir haben uns so sehr darauf gefreut
und jetzt ist es fast vorbei
"Weisstunoch", Album Gundermann & Seilschaft "Engel über dem Revier", 1997

Ich habe den Film vor zwei Jahren im Kino gesehen (hey, erstmals nach nahezu anderthalb Jahrzehnten mal wieder im Kino ...). Meine Meinung am Tag danach lautete
"Etwa 14 Stunden nach Ende der Vorstellung der erste Versuch einer Formulierung: ich bin mir nicht sicher, wie mir der Film gefallen hat. Er war sicherlich handwerklich gut und die Leistungen von Schauspielern, Drehbuchautorin und Regisseur sind über jeden Zweifel erhaben. Im Augenblick glaube ich, daß meine Erwartungshaltung das Problem war. Ich hatte ein Portrait über einen Baggerfahrer und Musiker erwartet, der sich nebenbei auch mit der Stasi rumgeschlagen hat, ich bekam das Portrait eines Menschen, der sich mit der Stasi rumgeschlagen, nebenbei aber auch auf dem Bagger gearbeitet und Musik gemacht hat.
Meiner Einschätzung nach ist dieser Film wichtig und überfällig in vielerlei Hinsicht - aber ob er für denjenigen wichtig und überfällig ist, der sich - vor allem als Außenstehender - für Gundermann interessiert, kann ich nicht einschätzen. Ich lasse dem Film aber noch ein bißchen Zeit zum Sacken."
Im Prinzip hat sich an dieser Meinung seitdem nicht viel geändert, wobei ich auch den Film zugegebenermaßen kein zweites Mal gesehen habe. Ich halte die Entwicklung im Anschluß mit diversen Auszeichnungen aber durchaus für begrüßenswert.

Gruß
Skywise
Dieser Beitrag enthält 244 Wörter


"Ist wirklich wahr - ich hab's in meinen Träumen selbst geseh'n ..."
Herman van Veen - "Die Clowns"

Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 660
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04
Themen: 98
Danksagung erhalten: 3 Mal
Alter: 70
Kontaktdaten:

Gundermann gestern im Ersten

#3

Beitrag von Gesch »

hallo zusammen,

thema gundermann, eigenes erlebnis:
ich hab auf meiner rundfahrt mit protestgesang am sonntag, 20. september 2020, auch in der lausitz station gemacht und durfte bei dem waldspaziergang gegen die ausweitung des tagebaus nochten ein paar lieder spielen.

es war im zusammenhang mit dem gleichzeitigen besuch von michael zobel und eva töller, den organisatoren der waldspaziergänge am hambacher wald im rheinischen braunkohlerevier, die ebenfalls deshalb in die lausitz gefahren waren. dort gab es zum abschluss des waldspazierganges einige reden und dann auch lieder.

ich hab die drei zunächst von mir gespielten lieder als unterstützenden gruß von west nach ost, aus dem einem revier ins andere, verstanden und so auch erklärt und bin offensichtlich auch so verstanden worden.

nach mir spielte dann als lokalmatador der wohl in berlin lebende lausitzer liedermacher „geigerzähler“. er kündigte als letztes lied eins „von einem baggerfahrer“ an und sang als zugabe ein lied von gundermann.

danach fragte er mich, ob ich zum abschluss auch noch ein lied spielen wollte. ich hab mich nicht lange bitten lassen und ebenfalls ein lied des baggerfahrers angekündigt - „brigitta“ - das einzige gundermannlied in meinem repertoire, an das ich mich herangewagt hatte, nachdem ich den gestern in der ard ausgestrahlten film schon vor geraumer zeit im kino gesehen hatte.

ich hatte, in der absicht, mit diesem lied einen brückenschlag zwischen den braunkohlerevieren zu versuchen, an den originaltext des liedes eine eigene, sehr gering veränderte, in den westen verlagerte textversion drangehängt, die ich auch in einer anderen tonart gesungen habe. diese erläuterung hab ich gegeben, bevor ich das lied dann gesungen habe

für mich war es ein lied, mit dem ich die forderung nach einem aus klimaschutzgründen erforderlichen ausstieg aus der braunkohleverstromung und damit auch aus dem braunkohleabbau musikalisch unterstützen und eine klammer zwischen dem widerstand in ost und west herstellen wollte.

was dann folgte, war eher surreal, aber ich hätte vielleicht drauf gefasst sein sollen.

kleine zwischengeschichte:

ich hatte 2003 in thüringen als journalist (nicht als liedermacher) an einem seminar der landeszentrale für politische bildung zum thema „liedermacher in ost und west“ teilgenommen und hatte dort erstmals den namen gundermann gehört, als sich ein vertreter aus seinem fanclub, der sich - in begleitung von einigen anderen gundermann-fans - als zugehöriger der „seinschaft“ beschrieb, mit einer verehrung über den verstorbenen sänger ausließ, die mich beinah schon befremdet hatte. dabei war eine stasivergangenheit gundermanns gar nicht erwähnt worden, von der erfuhr ich erst später.

so war mir gundermann als ein künstler ein begriff geworden, dem von seinen fans nahezu grenzenlose verehrung entgegengebracht wurde.

johan war dann im forum jemand, der sich - ohne ddr-vergangenheit - intensiver mit gundermann auseinandersetzte. im kontakt darüber mit ihm, hab ich versucht, von conny gundermann eine einwilligung zu der von mir gemachten bearbeitung von „brigitta“ zu erhalten.

dabei erfuhr ich, dass die erben des nachlasses solche bearbeitungen prinzipiell ablehnten. ich dürfe also das lied nicht auf kommerziellem tonträger veröffentlichen - es live in der von mir beschriebenen intention des brückenschlages zu singen, sei mir aber nicht untersagt.

und deshalb hatte ich dann auch am tagebau nochten nicht gezögert, das lied als zugabe zu singen. kaum war ich fertig, eilte geigerzähler an mein mikro, um dem immer noch applaudierenden publikum sein befremden darüber mitzuteilen, dass da ein liedermacher aus dem westen einfach dieses lied singe, das ganz klar vom ende der ddr mit all den dabei inbegriffenen verwerfungen in wirtschaft und gesellschaft handele, die ich als westler gar nicht erfassen könne.

bedröppelt hab ich mit wenigen sätzen erneut meine intention erläutert, hab dafür nochmal beifall bekommen, und bin dann vom mikro weggegangen. dort hat geigerzähler dann ein weiteres lied von gundermann gesungen.

beim zusammenpacken der instrumente sprach mich geigerzähler dann noch mal an und bat um nachsicht: ihn habe es sehr aufgewühlt, meine interpretation zu hören. ob ich das verstehen könne.... ich sagte ihm, dass mir das so ganz nicht gelänge... er gab mir seine cd, ich hatte von mir keine dabei...

bis zum ende der veranstaltung und dem antritt des rückweges vom kundgebungsplatz im wald hat mich nicht ein einziger zuhörer auf den vorgang angesprochen...

mir scheint, es gibt nicht nur immer noch eine mauer in den köpfen zwischen ost und west, sondern auch noch ne menge gräben, wenn auch wohl mit unterschiedlichen tiefen...

das lied hab ich aus dem repertoire genommen.
ich muss es ja nicht singen.

gerd
Dieser Beitrag enthält 765 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
migoe
Webmaster
Webmaster
Beiträge: 1975
Registriert: Sa 1. Feb 2003, 13:00
Themen: 446
Hat sich bedankt: 26 Mal
Danksagung erhalten: 32 Mal
Alter: 45
Kontaktdaten:

Gundermann gestern im Ersten

#4

Beitrag von migoe »

Lieber Gerd,
Gesch hat geschrieben:
Do 1. Okt 2020, 14:19
kaum war ich fertig, eilte geigerzähler an mein mikro, um dem immer noch applaudierenden publikum sein befremden darüber mitzuteilen, dass da ein liedermacher aus dem westen einfach dieses lied singe, das ganz klar vom ende der ddr mit all den dabei inbegriffenen verwerfungen in wirtschaft und gesellschaft handele, die ich als westler gar nicht erfassen könne.
ich habe keinen besonders "tiefen" Zugang zu Gerhard Gundermann und seinen Liedern. Einige seiner Lieder sprechen mich an und ich höre mir sie gerne an, bei anderen bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ich denke nicht, dass es daran liegt, weil er ein Liedermacher aus der DDR war, denn es gibt ja auch noch viele andere Künstler, die ebenfalls in der DDR gelebt und dort ihre Lieder gesungen haben, die ich völlig anders wahrnehme. Bei Gundermann habe ich das Gefühl, es handelt sich um einen außergewöhnlich ungewöhnlichen Menschen, der mit sich selber vielleicht nie im Reinen war oder vielleicht nie zu "seiner Rolle" gefunden hat. Das ist für mich nicht so leicht zu verstehen. Bestimmt auch, weil ich niemals in der DDR gelebt habe.

Dir fehlt diese "Erfahrung" auch, aber deshalb kannst Du ja trotzdem einen eigenen Zugang zum Künstler uns seinen Liedern haben - und den wiederum können Menschen, die in der DDR aufgewachsen und gelebt haben, nicht verstehen.

Gerhard Gundermann lebte in einer anderen Zeit. Heute ist vieles, was damals alltäglich und vollkommen akzeptiert war, nur noch ein "Relikt aus längst vergangener Zeit" - es war ihm nicht vergönnt in der "neuen Zeit" wirklich anzukommen.
Dieser Beitrag enthält 282 Wörter


Liebe Grüße aus Rothenburg

migoe | www.liedermacher-forum.de
...
Manche Menschen wollen lieber durch Lob ruiniert als durch Kritik gerettet werden.

Antworten

Zurück zu „Gundermann, Gerhard“