Heinz Rudolf Kunze liest "Heute hier, morgen dort" und "verbessert" eine Zeile

In einer WDR-Radiosendung liest HRK Hannes Waders bekanntestes Lied als Gedicht und merkt zuvor an, mit einer Zeile sprachlich nicht zufrieden zu sein.

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Hat Heinz Rudolf Kunze eine gelungene Alternativzeile entworfen?

Ja, eine Verbesserung
0
Keine Stimmen
Gleichwertig / egal
1
11%
Nein, das Original überzeugt trotz Apostroph
8
89%
 
Insgesamt abgegebene Stimmen: 9

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Viktor hat dieses Thema gestartet
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Heinz Rudolf Kunze liest "Heute hier, morgen dort" und "verbessert" eine Zeile

#1

Beitrag von Viktor »

Hallo miteinander,

wo doch aktuell nichts im Hannes-Kosmos los ist, kann man sich auch über Kleinigkeiten wie diese Gedanken machen, dachte ich mir:

Kürzlich habe ich in die Radiosendung Liederlounge live mit Murat Kayi und Heinz-Rudolf Kunze reingehört, deren Abschluss offenbar stets "Heute hier, morgen dort" bildet.
Die Sendung findet man hier in der Mediathek und der besagte Vortrag wird ab 56:40min anmoderiert.

Interessant finde ich, dass Kunze sagt: "Das ist einfach nicht schön. [...] Das ist wie ein falscher Ton auf der Gitarre oder aufm Klavier." Damit meint er diesen Textabschnitt:
Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein' oder andern im Sinn
...oder wie HRK sagt: "dem ein-Apostroph oder anderen im Sinn"
Da kommt er direkt mit 'ner -- Entschuldigung: mit einer -- Verbesserung daher; hört selbst oder schaut in den Spoiler:
► Text zeigen

Meine Meinung:
Erst dachte ich, das Problem wäre die fehlende Gender-Gerechtigkeit, die mit der Alternativzeile ja tatsächlich erreicht wird.
Aber "dem ein' oder andern" finde ich eigentlich gerade deshalb gelungen, weil ich selbst es lapidar umgangssprachlich auch so runterreden und die Silbe apokopieren würde. HRKs Version: So würde ich niemals reden (da ich dann wiederum nämlich "irgendjemandem" sagen würde, haha). Und wenn er ohnehin nicht singt, sondern liest, hätte er auch "dem einen" daraus machen und aufs Metrums pfeifen können.

Aber ich nehme es Kunze trotzdem nicht übel, denn irgendwie kann ich es respektieren, wenn jemand aus Liebe zur Sprache pingelig ist und sich an Kleinigkeiten stört. So bin ich auch. Hier stimme ich nur nicht so recht zu.


Eure Meinung? Ist euch die Zeile schon einmal wie ein falscher Ton aufgefallen?
Ich möchte mal die Umfrage-Funktion testen.

Viele Grüße
Viktor
Dieser Beitrag enthält 302 Wörter


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migoe
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Heinz Rudolf Kunze liest "Heute hier, morgen dort" und "verbessert" eine Zeile

#2

Beitrag von migoe »

Hallo Viktor,
Viktor hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 14:59Eure Meinung? Ist euch die Zeile schon einmal wie ein falscher Ton aufgefallen?
meine Einstellung dazu ist ganz klar, dass "irgendjemand" so überhaupt gar nicht peotisch und lyrisch klingt und ich das Original - ob mit oder ohne Apostroph ist mir egal - bevorzuge.
Viktor hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 14:59Aber ich nehme es Kunze trotzdem nicht übel, denn irgendwie kann ich es respektieren, wenn jemand aus Liebe zur Sprache pingelig ist und sich an Kleinigkeiten stört.
Ich nehm es ihm auch nicht übel und sehe es so, wie Reinhard Mey einmal in einem Lied gesungen hat
...ihr wisst von mir tausend Dinge, aber nicht wie ich sie schreib...
Jeder, der einen Fehler findet kann ihn/sie/es behalten :pfeifen: :pfeifen:
Dieser Beitrag enthält 130 Wörter


Liebe Grüße aus Rothenburg

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Westwind
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Heinz Rudolf Kunze liest "Heute hier, morgen dort" und "verbessert" eine Zeile

#3

Beitrag von Westwind »

Viktor hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 14:59 Eure Meinung? Ist euch die Zeile schon einmal wie ein falscher Ton aufgefallen?
Ich möchte mal die Umfrage-Funktion testen.
Meine Meinung kurz und knapp: künstlerische Freiheit.

Ich persönlich versuche zumindest schriftlich, ziemlich penibel nach bestem Wissen und Gewissen Worte richtig zu gebrauchen und Sätze und Interpunktion fehlerlos zu formen. Nach alter Rechtschreibung allerdings. Daß ich mich manchmal dabei erwische, umgangssprachliche Elemente und Ausdrücke zu verwenden, schließe ich dabei nicht aus, lasse es dann, wenn es mir auffällt, dann manchmal aber auch einfach so stehen.

Wenn es darum geht, nach musikalischen vermeintlichen Fehlern zu schauen oder in Liedtexten nach Fehlern zu suchen, finde ich in der großen Mehrheit der deutschsprachigen Lieder erhebliche Schnitzer und Fehler, teilweise sicherlich dem Versmaß geschuldet, teilweise unbewußt eingebaut, und teilweise vermutlich eben auch bewußt umgangssprachlich ausgedrückt.

Beispiel: Selbst in alten Liedern aus den 60 Jahren sind mir schon Textstellen aufgefallen, wo das Wort "brauchen" ohne "zu" gebraucht wurde.

Selbst bei Reinhard finden sich unsaubere Reime oder sprachliche Verbiegungen. Mir fallen sie manchmal auf oder ich überlege, ob das tatsächlich falsch ist, aber solange mich das Lied als Gesamtpaket überzeugt, kann ich damit gut leben. Im Lied Sommerende gibt es folgenden Ausdruck, der mich schon seit einiger Zeit beschäftigt:
"Das Dunkelgrün des Gartentischs verwittert und verbleicht".
Das habe ich anfangs irgendwie gar nicht bemerkt oder beachtet, bis ich mir irgendwann doch die Frage stellte, ob das nicht "verblichen" heißen müßte. Meiner Meinung nach ja, aber bei meinen Recherchen bin ich da inzwischen tatsächlich auf verschiedene Versionen gestoßen.

Was die Apostrophierung anbetrifft, da versuche ich inzwischen gar nicht mehr, die Welt zu verbessern. Neben dem Deppenapostroph gibt es da inzwischen so viele verschiedene Auswüchse, daß ich den Eindruck habe, daß es a) kaum noch jemanden stört, wenn falsch apostrophiert wird (wenn ein Fehler überhaupt erkannt wird) und u.a. genau deshalb b) sowieso jeder macht, wie er will.

Daß Heinz Rudolf Kunze Wert auf den sprachlichen Ausdruck legt und sich da auch auskennt, ist bekannt.

Für mich ist der sprachliche Ausdruck ein Kriterium, ob mir ein Lied gefällt oder nicht. Beispiel Thees Uhlmann: Skywise hat in seiner Plattenbau-Sendung einige Lieder von ihm gespielt. Die Lieder finde ich von der Musik und von den Inhalten her ansprechend, aber mir sind beim Hören zu viele bewußt oder unbewußt eingebaute sprachliche Punkte aufgefallen, die für mich das Gesamtpaket trübten, so daß ich mir noch keine CD von Thees Uhlmann gekauft habe.

Wie dann das jeweils gesungene Wort im Textheft noch abgedruckt wird, ist ohnehin noch ein anderes Thema. Überrascht war ich damals bei einem Text von Udo Juergens beim Lesen eines mir vorher schon bekannten Liedes. Darin heißt es: "Ich kann im Traum die Beatles überbieten". So weit so gut, im Textheft der CD las ich dann "Ich kann im Traum die Beatles überbeaten". Ich fand es schade, daß so ein Wortspiel beim Singen bzw. Hören nicht vermittelbar ist. Wo ich sonst oft immer noch um eine weitere Ecke rumdenke, wäre ich auf diese Variante ohne das Textheft nie gekommen. "Überbeaten" ist nun halb Deutsch, und ein bißchen eingedeutschtes Englisch. Somit könnte man das sprachtechnisch auch als Fehler ansehen. Die Frage, ob das Udos eigene Idee war oder ein anderer an der Plattenproduktion mitwirkender Mensch das so geschrieben hat ohne Udos Wissen, möchte ich hier gar nicht erst aufwerfen.

Aber auch sowas würde ich als künsterliche Freiheit ansehen, wie so viele Wortspiele, die man auch bei Bodo Wartke sprachtechnisch kritisch beäugen könnte. Aber Bodo hat bei mir einen Freifahrtschein, weil ich den Eindruck habe, daß er's kann und genau weiß, was er tut. Und oftmals ist es ja auch witzig.

Unter'm Strich nehme mir eben jeweils die Freiheit zu entscheiden, ob mir dann ein Kunstwerk / Lied / Produkt gefällt oder eben nicht.

Soviel zum Thema "Kurz und knapp" :-)

Gruß
Georg

P.S. Zur Umfrage meine Meinung: ich finde das Original gelungen und Heinz Rudolf Kunze hätte es nicht auszubessern brauchen. Allerdings wundere ich mich etwas, daß sich HRK genau dieses Lied ausgesucht hat. Da gibt es ganz andere Baustellen anderer Künstler.....
Dieser Beitrag enthält 722 Wörter


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Marc
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#4

Beitrag von Marc »

Lieber Viktor,

da hast Du eine kleine, hübsche Anekdote aufgegabelt. Hast Du Dir im Nachgang noch die komplette Ausgabe der Liederlounge angehört? Ich muss gestehen, dass mir die Sendung vom Titel her zwar ein Begriff ist, ich mit ihr spontan aber nichts verbinden kann.
Viktor hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 14:59 Interessant finde ich, dass Kunze sagt: "Das ist einfach nicht schön. [...] Das ist wie ein falscher Ton auf der Gitarre oder aufm Klavier."
Einerseits finde ich es fast rührend, mit wie viel Wertschätzung Heinz Rudolf Kunze rechtfertigt, an dem Vers herumfummeln zu dürfen, andererseits empfinde ich es doch recht anmaßend und letztlich auch ziemlich peinlich; die angestrebte Verbesserung geht ja gründlich in die Hose.

Ich verfolge Heinz Rudolf Kunzes Schaffen mit einer gewissen Neugierde. Interviews mit ihm höre ich mir aufgrund ebensolcher Aussagen mit einer gewissen Schaulust (oder besser gesagt: Hörlust) recht gern an, so zum Beispiel auch Kunzes Podcast „Durch die Brille gefragt“; von der Idee her ein interessantes Projekt. Leider büßen die Gespräche meinem Empfinden nach recht viel an Intimität aufgrund der starren Gesprächsführung Kunzes ein. Gespräche mit „Gleichgesinnten“ wie Reinhard Mey, Klaus Meine oder auch Christof Stein-Schneider wirken auf mich dabei noch weniger holprig als mit Menschen anderer „Berufszweige“ wie Jan Hofer oder Jim Rakete. Irritiert bin ich immer dann, wenn Heinz Rudolf Kunze seinen subjektiven Blick auf Musik, Musikgeschichte und Musikeinflüsse als objektive Betrachtung darstellt und auf fast naive Weise überrascht ist, wenn seine Gesprächspartner die Dinge anders betrachten oder empfinden. Abschätzige Aussagen über andere Musikstile und Texte empfinde ich immer ziemlich daneben...

Liebe Grüße
Marc

PS:
Westwind hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 19:24 Im Lied Sommerende gibt es folgenden Ausdruck, der mich schon seit einiger Zeit beschäftigt:
"Das Dunkelgrün des Gartentischs verwittert und verbleicht". Das habe ich anfangs irgendwie gar nicht bemerkt oder beachtet, bis ich mir irgendwann doch die Frage stellte, ob das nicht "verblichen" heißen müßte. Meiner Meinung nach ja, aber bei meinen Recherchen bin ich da inzwischen tatsächlich auf verschiedene Versionen gestoßen.
Könnte man den Vers nicht einfach im Präsens als Beschreibung des Vorgangs lesen, trotz der Partizipien im darauffolgenden Vers? Wäre er dann nicht grammatikalisch richtig..? :keineidee: Hach, ich liebe diese Detailverliebtheiten... :verliebt:
Dieser Beitrag enthält 395 Wörter


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#5

Beitrag von Westwind »

Marc hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 20:19 Könnte man den Vers nicht einfach im Präsens als Beschreibung des Vorgangs lesen, trotz der Partizipien im darauffolgenden Vers? Wäre er dann nicht grammatikalisch richtig..? :keineidee: Hach, ich liebe diese Detailverliebtheiten...
Oh, klar. Diese Variante hatte ich bisher überhaupt noch nicht in Betracht gezogen, vielleicht, weil über dem gesamten Lied eine Stimmung von Vergangenheit und Vergänglichkeit schwebt.
Danke für die Erleuchtung ! :super:

Da werde ich noch nach anderen Beispielen suchen müssen. ;-)

Aber ich mag es auch, solche Details zu erörtern :-)
Dieser Beitrag enthält 94 Wörter


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#6

Beitrag von Reino »

Westwind hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 19:24 Selbst bei Reinhard finden sich unsaubere Reime oder sprachliche Verbiegungen.
Ja wo denn sonst? Reinhard ist der Großmeister der falschen Betonung.
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#7

Beitrag von Westwind »

Reino hat geschrieben: Do 12. Nov 2020, 12:12
Westwind hat geschrieben: So 25. Okt 2020, 19:24 Selbst bei Reinhard finden sich unsaubere Reime oder sprachliche Verbiegungen.
Ja wo denn sonst? Reinhard ist der Großmeister der falschen Betonung.
Ich sprach nicht von Betonungen, mir ging es um Grammatik und Reime.
Diese Diskussion hätte aber dann eh nichts mehr mit dem Thema hier zu tun.
Dieser Beitrag enthält 67 Wörter


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#8

Beitrag von Reino »

Falsche Betonungen sind also keine sprachlichen Verbiegungen? Schön zu wissen.

Wann nimmt sich Kunze eigentlich mal Goethe und Schiller durch?

"Der Starke ist am mächtigsten allein" (aus Wilhelm Tell) ist ja nicht nur inhaltlich Quark, sondern auch sprachlich. Und zudem ein recht typisches Verbrechen an der Sprache: Allein des Reimes wegen ein Wort an das Zeilenende stellen, das da nicht hingehört.
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