Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

Im Mai 2019 wurde eine Studie des Allensbach Instituts veröffentlicht, die sich damit beschäftigte, ob es in Deutschland möglich ist, frei seine Meinung zu äußern. Dieses Thema treibt mich auch um, nicht nur aber auch, weil ich ein Forum betreibe und es hier selbstverständlich immer darum geht, den Austausch der Meinungen zu fördern.

*DER SINN DER POLITIK IST FREIHEIT
Das Leben ist immer ein Leben mit anderen. Der Mensch ist ein „zoon politikon“, ein „staatsentwickelndes Tier“, wie Aristoteles formulierte. Er bedarf zu seiner Vervollkommnung der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die Frage ist nicht, wie uns heute im Zeitalter des begrenzungslosen Individualismus (und Egoismus) eingehämmert wird: Wie soll ich leben? Sondern: Wie sollen wir leben? - und darüber kann in diesem Forum diskutiert werden!

*Quelle: Webseite Akademischer Verein Kyffhäuser e.V. | Foto © by Pixabay.com
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Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#1

Beitrag von migoe » Do 17. Okt 2019, 19:41

Liebe Besucher/innen des Liedermacher-Forums,

Ihr habt richtig gelesen - ich stelle hier die Frage in den Raum, ob es in Deutschland (und auf dem Liedermacher-Forum) in der heutigen Zeit noch möglich ist, frei und offen sein Meinung sagen zu können, ohne gleich gesellschaftlich geächtet zu werden!

Ich höre die Fragen und "Ängste":
-> Was hat das hier auf einem Forum über Liedermacher zu tun?
-> Warum soll ich hier meine Meinung sagen, wo doch eh alle in eine bestimmte Richtung denken?
-> Wenn ich hier schreibe, was ich denke, werde ich sofort zurechtgewiesen oder abgestempelt!
-> Bevor ich hier ärger bekomme, bin ich lieber ruhig!
-> Hier auf dem Forum darf man sowieso nur in eine bestimmte Richtung denken und argumentieren!
-> ...

Gerade deswegen möchte ich hier mit diesem Beitrag einen Anstoß geben für einen offenen Meinungsaustausch und hoffe, es finden sich "gleich Gesinnte", die den Mut und die Bereitschaft haben, sich darauf einzulassen.

Bitte führt diesen Meinungsaustausch respektvoll und im Sinne der Verhaltensregeln dieses Forums!

Einleitung:
Ich bin mir bewusst, dass ich mit diesem Beitrag ein heikles Thema anspreche, will mich aber damit auseinandersetzen und hoffe, es kann sich hieraus ein hilfreicher und fruchtbarer Meinungsaustausch im besten Sinne ergeben. Wenn es in (m)einem Forum nicht mehr möglich ist, sich über unterschiedliche Ansichten und Meinungen auszutauschen, dann bitte wo? Sollte dies wirklich nur noch bei Twitter und Facebook möglich sein?

Auf die Studie gestoßen bin ich durch folgende Artikel:
https://www.zeit.de/kultur/2019-05/meinungsfreiheit-allensbach-institut-umfrage-deutschland

https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/umfrage-deutsche-trauen-sich-nicht-offen-stellung-zu-beziehen-65393758.bild.html

https://www.welt.de/politik/article193977845/Deutsche-sehen-Meinungsfreiheit-in-der-Oeffentlichkeit-eingeschraenkt.html

https://www.focus.de/finanzen/news/tid-29319/political-correctness-klappe-zu_aid_911015.html

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/meinungsfreiheit-was-genau-darf-man-nicht-sagen-a-1247995.html

https://stefan-fries.com/2016/01/21/meinungsfreiheit-in-deutschland-warum-man-nicht-sagen-darf-was-man-sagen-will/

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/netzhass-und-gewalt-was-man-dagegen-tun-kann-lobo-kolumne-a-1048799.html

Hier ist die Studie, um die es mir geht und die im Mai 2019 veröffentlich wurde:
https://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/user_upload/FAZ_Mai2019_Meinungsfreiheit.pdf

Das Fazit dieser Studie geht tendenziell in die Richtung, dass es sehr viele Menschen gab, die angaben, sich in der Öffentlichkeit und vor allem im Netz nicht frei und offen zu äußern, weil sie erlebt haben, dass es sehr schnell unangenehm wird, wenn man seine Meinung schreibt.

Die verlinkten Beiträge der verschiedenen Online-Magazine und -Zeitungen nehmen die Ergebnisse der Studie auf und sind entweder als redaktioneller Artikel oder teilweise als persönlicher Kommentar formuliert und verfasst.

Mir ist klar, dass es sich bei den verlinkten Online-Auftritten um allgemein bekannte und seit Jahren etablierte Verlage handelt, die von einige Menschen zu den sogenannten "Mainstream-Medien" gezählt werden. Das sehe ich genauso und genau deshalb führe ich sie auch hier auf. Vielleicht gibt es ja auch Artikel zu diesem Themenkomplex, die außerhalb des Mainstreams verfügbar sind und die jemand hier teilen möchte, selbstverständlich sollten die Inhalte für jeden frei zugänglich sein, ohne einen Registrierungszwang oder so.

Was hat das jetzt mit dem Liedermacher-Forum zu tun?
Vor einiger Zeit wurde ich einmal von einem Besucher des Forums darauf angesprochen, er hätte das Gefühl, hier auf dem Forum würden keine Diskussionen mehr stattfinden, weil es in der Vergangenheit einige Themen gegeben hätte, bei denen die "mutigen" Diskutanten "fertig gemacht" worden wäre, nur weil ihre Meinung nicht dem der Allgemeinheit (Mainstream!?) entsprachen. Es wäre hier auch nicht möglich, mit Aussagen zu provozieren, ohne gleich "zurechtgewiesen" zu werden. Aus diesem Grund würde auch er nicht mehr so viel schreiben oder sogar Beiträge von bestimmten Usern bewusst ignorieren und er wäre sich sicher, dass es auch vielen anderen so gehen würde. Am Ende meinte er auch, es wäre schon ok, er hätte es nicht nötig, sich hier von anderen maßregeln zu lassen und würde halt ab und zu mitlesen, aber sich nicht mehr einbringen.

Seit diesem Gespräch geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf, ob es sich wirklich so verhält und ob ich das gut oder schlecht finde.

Dazu stelle ich mir (und Euch) noch weitere Fragen, nämlich:
  • Was sagt es über das Liedermacher-Forum aus, wenn es hier auch so ist wie bei Facebook oder Twitter und ein Teil der Besucher sich nicht mehr "verstanden" fühlt?
  • Was kann/soll geändert werden, damit diese Entwicklung wieder in die andere Richtung geht?
  • Braucht es neue "Regeln" oder reicht "mehr Toleranz und Respekt"?
  • Wer muss wem gegenüber toleranter und respektvoller sein?
  • Wie verhalte ich mich und was muss ich persönlich anders machen?
  • Welche Vorurteile habe ich gegenüber bestimmten Personen oder Meinungen/Argumenten?
Tja, soweit meine Gedanken aufgrund dieser Ergebnisse aus der Allensbach Studie und der allgemeinen Beobachtung und dieses konkreten Gespräches mit dem Forenbesucher vor einiger Zeit.

Bin gespannt, ob es Meinungen dazu gibt!
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#2

Beitrag von fille » Do 17. Okt 2019, 20:32

Hallo migoe,

wirklich ein gutes Thema! Die Studie habe ich noch nicht angeschaut. Später dann..

KANN man seine Meinung noch in Deutschland (und im Forum) äußern? Ja, man KANN.
Aber es sollte schon der Einheitsmeinung entsprechen... (Achtung Ironie)

Noch mehr Toleranz? Was ist schon Toleranz? Die muss ja leider der einheitlichen Meinung
entsprechen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich nicht immer der Meinung der anderen
bin. Aber die Lust zum Diskutieren vergeht einem schon.

Und jetzt bin ich schon wieder meinen Prinzip untreu geworden. Ich wollte ja das
"politische Forum" nicht mehr lesen :-)

Einen schönen Abend wünsche ich euch allen.

Liebe Grüße, Marianne

PS: Nieder mit der Einheitsmeinung! Aber wenigstens: Die Gedanken sind frei...
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#3

Beitrag von Nicky » Fr 18. Okt 2019, 09:43

Hallo migoe,

ein feines – aber auch mutiges Thema, dass du auf den Tisch bringst.
Erst gestern abend war es noch Thema bei uns, ob man noch offen seine Meinung sagen darf, weil auch ich die besagten Zeitungsartikel gelesen habe.
Ich kann aus meiner Sicht nur sagen; Ja., ich kann meine Meinung noch offen sagen, bzw. ich scheue mich nicht meine Meinung zu sagen.

Natürlich gibt es viele Themen, zu denen man eine Meinung haben kann, z.B. Finde ich dieses oder jenes Lied gut? Kann man sich so oder so verhalten......?

Aber richtige aufreger Themen sind ja die Politischen. Und dazu habe ich eine klare Meinung, die ich auch offen äußere. Mit wem und wie lange ich dann diskutiere, ist Themen-und Diskussionmitglieder abhängig. Wenn ich merke, dass man sich im Kreis dreht beim diskutieren, ziehe ich mich auch zurück. Genauso bei Diskussionen mit Leuten, die eine zu extreme Meinung haben. Um es mit Hannes Waders Worten zu sagen: Mit Nazis rede ich nicht.
Aber auch, wenn ich „des lieben Friedens willen“ dazu genötigt werde dieses oder jenes nicht mehr zu schreiben, vergeht mir die Lust am Diskutieren.

Mein momentanes Lieblings T-Shirt ist mit folgendem Satz bedruckt: „Wer keinen Bock auf Rassistische Kackscheisse hat, ist übrigens nicht links, sondern normal“

Dieser Aufdruck sagt schon viel über meine Meinung aus und führt auch hin und wieder zu interessanten Gespächen mit anderen.

Wer wie ich offen zu vielen Themen seine Meinung. sagt, muss aber natürlich auch einstecken können. (kann ich meistens) ;-) Besonders, wenn man gerade eine andere Meinung hat als die Masse. Ein paar Beispiele.

So finde ich die Friday for Future Bewegung mit der Glorifizierung ihrer 16 jährigen Anführerin auch mehr als grenzwertig. Ja, es muss mehr für den Klimaschutz getan werden. Keine Frage. Da muß jeder sein eigenes Verhalten hinterfragen und auch ändern. Ob das durch Schuleschwänzen gelingt, wage ich zu bezweifeln. Ob man alle anderen wirtschaftlichen Themen dabei außer Acht lassen sollte wage ich auch zu bezweifeln. Mir ist klar, dass ich mit dieser Aussage jetzt viele gegen mich aufbringe, aber ich kann sowas auch nicht einfach runter schlucken, nur weil meine Meinung dazu nicht massentauglich ist.

Oder die Situation gestern bei Aldi an der Kasse. Eine alte Dame vor mir kauft einen Weihnachtstern (Pflanze mit meist roten oder weißen Blüten, die oft zur Weihnanchtszeit hin verkauft wird) . Auf dem digitalen Kassenschild wird „Herbststern“ angezeigt. Auf meine Frage hin an den Kassierer, ob es sich um eine andere Pflanze handeln würde als um den mir bekannten „Weihnachtsstern“ meinte der Kassierer, dass es ein Weihnachtsstern wäre, man ihn aber aus Rücksicht nicht mehr so nennen dürfte. Auch da kann ich mich mit meiner Meinung nicht zurück halten.
Ich lebe in Deutschland. Hier ist Weihnachten ein anerkannter Feiertag. Da will ich auch einen Weihnachtsstern beim Namen nennen können, Das Lichterfest heißt eigentlich St. Martin und die Jahresendfeier war bis vor einiger Zeit noch eine Weihnachtsfeier. Ich will mir meine Kultur nicht nehmen lassen und dass kann ich auch sagen, ohne dabei Ausländerfeindlich zu werden.

So könnte ich jetzt stundenlang weiter schreiben....wenn ich nicht gleich zur Spätschicht müßte... ;-)

Liebe Grüße
Nicole
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...sag nichts, ich seh's dir an, Kinder erkennen sich am Gang...

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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#4

Beitrag von greymagicvoice » Fr 18. Okt 2019, 10:28

Lieber Migoe,
ich will versuchen, mich möglichst kurz zu fassen.
Meinungsfreiheit bedeutet für mich, meine Meinung frei artikulieren und veröffentlichen zu können. Im Rahmen geltender Gesetze ist das mE in Deutschland gegeben. Meinungsfreiheit bedeutet NICHT, keinen Widerspruch zu erhalten. Jeder andere hat auch das Recht auf seine Meinung, auch wenn sie diametral der meinen gegenüberstehen sollte. Ich muss also damit rechnen, zu meiner Meinung angefragt zu werden. Bis dahin ist das für mich ganz in Ordnung. Für diese Freiheit haben Generationen vor uns hart und opferreich gekämpft.
Problematisch wird es für mich bei der Art und Weise, wie derzeit häufig aus durchaus verschiedenen Richtungen das je eigene Recht auf Meinung vorgetragen wird - indem nämlich aus der eigenen (Gruppen-)Meinung eine unhinterfragbare Ideologie gemacht wird. Dabei droht ein besonders bedeutsamer Bestandteil von Demokratie Schaden zu nehmen oder gar zu verschwinden: der Kompromiss.
Heißt für mich in Kürze: sagen kann man (jedenfalls derzeit) seine Meinung schon - es mangelt jedoch an einem reifen und respektvollen Umgang mit der Meinung anderer. Das allerdings hat das Potential, zum Problem werden zu können, denn der Gipfel einer solchen Entwicklung ist bekanntermaßen die Diktatur.
(Ausführlicher ginge immer ;-) , nun aber Schluss ...)

liebe Grüße
bis bald
hier oder woanders
Stephan
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#5

Beitrag von Michael » Fr 18. Okt 2019, 12:46

Hallo,

ich sehe es wie Stephan, viele Leute verwechseln das Recht auf Meinungsäußerung mit dem Recht auf eine unwidersprochene Meinung. Viele tun sich schwer mit Widerspruch und erzählen was von "Denkverboten" - vielleicht, weil ihnen die Argumente fehlen. Das ist natürlich Humbug. Man muss gar nicht ins Internet gehen, schon die gute alte Zeitungslandschaft bietet einen großen Potpourri von ganz verschiedenen Meinungen, von irgendeiner "Einheitsmeinung" kann ich nirgends was erkennen. Es werden ja inzwischen sogar Dinge diskutiert, von denen ich geglaubt hätte, es herrscht eigentlich Konsens. Dass eine als liberal geltende Wochenzeitung ernsthaft die Frage aufwirft, ob man Menschen in Seenot retten sollte, hätte ich mir nicht vorstellen können. Diese Frage hielt ich für seit den Zeiten des Odysseus geklärt.

Inzwischen schaukeln sich Debatten hoch und aus Petitessen werden Staatsakte gemacht. Insofern kann ich verstehen, dass man nicht immer oder in allen Kreisen zu allem seine Meinung sagt - man weiß ja nie, wie das Gegenüber reagiert. Aber, wenn wir ehrlich sind, war das doch früher auch schon so. Politik und Religion waren schon immer eine heikle Angelegenheit, die sich selten zum Small Talk mit fremden Personen eignen. Warum es schnell zu Aggressivität kommt - keine Ahnung, das Internet mit seinen Filterblasen und seinem haufenweise herausgeblasenen Blödsinn ist das eine, das andre ist vielleicht: Wir haben das Streiten verlernt - warum auch immer. Bestimmt nicht, weil alle der gleichen Meinung waren. Lernt man debattieren denn noch in der Schule?

Und noch ein Tipp für die nächste Diskussion bei Aldi:
Die "Euphorbia Princettia" ist eine Pflanze, die von September bis Februar blüht. Sie ist vor einigen Jahren gezüchtet worden, um die Blühzeit der "Euphorbia pulcherrima" zu verlängern. Also, die Gärtner wollen ihr Gestrüpp auch außerhalb der Weihnachtszeit verkaufen und nehmen deshalb den Namen "Herbststern", weil - wer kauft im Oktober schon was mit dem Namen "Weihnachten". Google-Dauer: 0,34 Sekunden.

Liebe Grüße, Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#6

Beitrag von moni » Fr 18. Okt 2019, 14:04

Oh ja, ich sehe es so, dass man seine Meinung sehr wohl sagen kann.
Gegenwind bekommen, diskutieren, alles kein Problem, auch mit unterschiedlichen Ansichten wieder auseinandergehen, bis zu einem gewissen Punkt auch akzeptabel.
Pöbeln, anschreien, nicht zu Wort kommen lassen, ist keine Meinungsäußerung.
Ich sage heute mehr und deutlicher meine Meinung als noch vor ein paar Jahren. Wobei mir dabei, das im Satz obendrüber in der letzten Zeit oft, zu oft passiert ist. Das lässt mich manchmal fast verzweifeln.
Der Weihnachtsstern, Adventkranz, St. Martin usw. bleibt bei mir und in meiner Kita auch weiterhin unter diesem Namen obwohl wir keine konfessionelle Kita sind. Wir feiern auch einen Gottesdienst vor dem Martinsumzug. Wer dorthin kommt macht es, die Anderen laufen danach beim Umzug, mit Pferd und Reiter, mit.
Dieses ändern der Namen ist absoluter Quatsch. Das verlangt überhaupt niemand.
Da preschen einige Menschen mit gutgemeinten Ideen vor, die am Ende nur zu einem nicht notwendigen, fürchterlichen Aufreger werden. Das wird am besten dann in der B... ausgeschlachtet und Schuldige benannt, die sich über die Namen der christlichen Feste vorher überhaupt keine Gedanken gemacht haben.
Ich finde die Fridays for future Bewegung gut. Wenn meine Jungs noch in die Schule gehen würden, bekämen sie von mir dafür immer eine Entschuldigung geschrieben.
Diese Jugendlichen haben mich persönlich mehr aufgerüttelt als manch eine Information zum Thema.
LG Moni
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:wau:
A bas les armes!

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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#7

Beitrag von fille » Fr 18. Okt 2019, 15:09

Michael hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 12:46
weil - wer kauft im Oktober schon was mit dem Namen "Weihnachten". Google-Dauer: 0,34 Sekunden.

Liebe Grüße, Michael
hahahaha Nieeeemand! :hammer: Und auch nicht die Lebkuchen, die es im September gibt. Aber da steht wohl nicht Weihnachten drauf. :-)

Das mit der Einheitsmeinung habe ich ja nicht sooo ernst gemeint (steht auch "Vorsicht Ironie" in Klammer daneben. Aber es ist schon ein Körnchen Wahrheit darin. Das gibt's aber nicht nur in Deutschland.
Der Zwang "politisch korrekt" zu sein, herrscht auch in anderen Ländern. Z. B. Frankreich.

Jetzt hier auch eine persönliche Meinung für die "friday for future". Ich finde für die Zukunft der Kinder
wäre es besser, sie würden in die Schule gehen. Nur mit Bildung kann man die Welt retten, oder ? Abgesehen von der persönlichen Zukunft. Als letztens eine große weltweite Aktion dieser Bewegung geplant hat, hat das Gymnasium meines Sohnes (schon 12 Jahre draußen) etwas eigenes gemacht. Nicht jemand hinterlaufen war angesagt, sondern die Schüler haben selbst mit den Lehrern daran gearbeitet. Das Ende von Lied? Die Schule wurde von der Friday-for-Future-Abteilung in der Stadt angegriffen. Sie hätten gefälligst die Schüler nach München schicken
sollen!

Ich finde es gut, dass die Schule sich dagegen gestemmt hat und ihr eigenes Ding gemacht hat. Dass die Schulschwänzerei so akzeptiert wird, finde ich befremdlich.

Nix für ungut, Marianne :-)
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#8

Beitrag von Helmut » Fr 18. Okt 2019, 16:10

Lieber Michael und alle Mitleser
Seitdem ich in diesem Forum bin, hab ich es ein einziges Mal erlebt, dass wirklich mit harten Bandagen argumentiert wurde. Ich hatte dabei aber nicht das Gefühl, dass dabei gegen unsere „Hausordnung“, verstoßen wurde. Die Argumente deines zitierten Besuchers kann ich nicht nachvollziehen. Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, muss mit Gegenwind rechnen. Will er nun, dass man sich nicht mehr aus dem Fenster lehnt, oder dass man widerspruchslos stehen lässt? Will er mehr oder weniger Eingriffe von Moderatoren?

Wenn sich jemand nicht verstanden fühlt, kann es an ihm selbst liegen, weil er zu dünnhäutig oder zu extrem ist. Es kann aber auch an den Antworten liegen, die zu hart argumentieren oder persönlich angreifen. Es wäre für die Diskussion interessant und hilfreich, auf welche Fälle sich der Besucher bezieht.

Ich persönlich lehne mich oft aus dem Fenster, überlege mir aber auch, ob ich das Echo ertragen kann. Den Umgang miteinander empfinde ich hier als sehr wohltuend. Menschenverachtung und Unrecht, egal von welcher Seite, werde ich trotzdem nicht unwidersprochen lassen.

Liebe Grüße
Helmut
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#9

Beitrag von migoe » Fr 18. Okt 2019, 19:19

Lieber Michael,
Michael hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 12:46
Und noch ein Tipp für die nächste Diskussion bei Aldi:
Die "Euphorbia Princettia" ist eine Pflanze, die von September bis Februar blüht. Sie ist vor einigen Jahren gezüchtet worden, um die Blühzeit der "Euphorbia pulcherrima" zu verlängern. Also, die Gärtner wollen ihr Gestrüpp auch außerhalb der Weihnachtszeit verkaufen und nehmen deshalb den Namen "Herbststern", weil - wer kauft im Oktober schon was mit dem Namen "Weihnachten". Google-Dauer: 0,34 Sekunden.
:daumen: So hätte ich auch argumentiert und freue mich, dass es auch andere gibt, die eine Sachfrage einfach nur sachlich beantworten und nicht eine große "Verschwörung" dahinter sehen. Ich bin im Handel aber auch gewohnt, mich mit diesen Vermutungen und "Theorien" zu beschäftigen und mir macht es Freude, wenn am Ende eines Gespräches das Gegenüber auch noch das Gefühl hat, etwas Sinnvolles erfahren zu haben.

Klappt aber nicht immer :weissnicht:
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#10

Beitrag von Marc » Fr 18. Okt 2019, 19:27

Ihr Lieben!
Michael schrieb:
Wir haben das Streiten verlernt - warum auch immer. Bestimmt nicht, weil alle der gleichen Meinung waren. Lernt man debattieren denn noch in der Schule?
Ich finde es interessant, dass Du nicht fragst, ob man Debattieren noch in der Familie lernt. In der Familie sehe ich, wie so oft, eher die Quelle dafür, warum ich wie Du den Eindruck habe, dass viele Jugendliche - wie Erwachsene auch! - das Streiten verlernen oder erst gar nicht gelernt haben. In Familien, in denen Desinterresse und Empathielosigkeit vorherrschen und in denen nicht konstruktiv miteinander gestritten wird, haben es Kinder und Jugendliche meiner Einschätzung nach schwerer, das Streiten zu lernen. Natürlich ist Argumentieren und Debattieren fest in den Lehrplänen verankert. Die Schule muss hier, wie so oft, das wecken, was in Familien nicht vorgelebt wird. Ich hoffe, dass ich meinen Töchtern einen streitbaren Geist mit auf den Weg geben werde. Und ich hoffe, dass ich meine Schüler dazu ermuntern kann, einen streitbaren Geist zu entwickeln. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es Jugendlichen schwer fällt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Viele glauben, eine Meinung zu haben, ohne sich zuvor eine eigene Meinung gebildet zu haben. Jugendliche schließen sich gern und voreilig Meinungen an, ohne diese genau hinterfragt oder abgewogen zu haben (was auch meine zentrale Kritik an Fridays for Future ist). Aber sind es wirklich nur Jugendliche? Erwachsene stehen vor der gleichen Herausforderung, tagtäglich und immer wieder. In diesem Sinne: Sapere aude!
Moni schrieb:
Ich finde die Fridays for future Bewegung gut. Wenn meine Jungs noch in die Schule gehen würden, bekämen sie von mir dafür immer eine Entschuldigung geschrieben.

Marianne schrieb:
Dass die Schulschwänzerei so akzeptiert wird, finde ich befremdlich.
Für die Teilnahme an Demonstrationen, egal ob Fridays for Future oder etwa eine Demo gegen das Agrarpaket, dürfen (zumindest in Niedersachsen) keine Unterrichtsbefreiungen ausgesprochen werden. Die Teilnahme an einer Demonstration während der Unterrichtszeit gilt schulrechtlich als unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht, daran ändert auch eine (Bitte um!) Entschuldigung eines Elternteils nichts. Die Teilnahme an Demonstrationen rechtfertigt schulrechtlich nicht das Fernbleiben vom Unterricht, da das Demonstrationsrecht in der unterrichtsfreien Zeit ausgeübt werden könnte.

Lieben Gruß
Marc
Zuletzt geändert von Marc am Fr 18. Okt 2019, 19:53, insgesamt 1-mal geändert. Dieser Beitrag enthält 373 Wörter


So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt,
dass nichts bleibt,
wie es war.

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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#11

Beitrag von migoe » Fr 18. Okt 2019, 19:37

Liebe Moni,
moni hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 14:04
Ich finde die Fridays for future Bewegung gut. Wenn meine Jungs noch in die Schule gehen würden, bekämen sie von mir dafür immer eine Entschuldigung geschrieben. Diese Jugendlichen haben mich persönlich mehr aufgerüttelt als manch eine Information zum Thema.
Genau so stehe ich dazu auch. Es ist irgendwie peinlich für uns Erwachsene, weil Kinder und Jugendliche mehr Arsch in der Hose haben, und konsequent einfordern, was wir eigentlich tun müssten! Es tut gut zu sehen, dass die "Jugend von heute" bereit ist, für ihr Anliegen auf die Straße zu gehen und das die Demos friedlich aber konstant durchgeführt werden.

Zu Greta Thunberg denke ich: es sagt viel über diejenigen aus, die sich über sie kritisch äußern und für manche Menschen, die ich bisher als "gebildet" und "klug" eingeschätzt haben, habe ich heute nur noch Verachtung übrig, weil sie die Chuzpe haben, über ein 16jähriges Mädchen herzuziehen, die mehr Mut und Entschlossenheit aufbringt, als viele Erwachsene/Politiker/Journalist/Lobbyist/usw.
Dieser Beitrag enthält 185 Wörter


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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#12

Beitrag von migoe » Fr 18. Okt 2019, 20:09

Liebe Marianne,
fille hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 15:09
Das mit der Einheitsmeinung habe ich ja nicht sooo ernst gemeint (steht auch "Vorsicht Ironie" in Klammer daneben. Aber es ist schon ein Körnchen Wahrheit darin. Das gibt's aber nicht nur in Deutschland.
Der Zwang "politisch korrekt" zu sein, herrscht auch in anderen Ländern. Z. B. Frankreich.
Ich sehe es so wie Michael weiter oben geschrieben hat:
Michael hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 12:46
viele Leute verwechseln das Recht auf Meinungsäußerung mit dem Recht auf eine unwidersprochene Meinung. Viele tun sich schwer mit Widerspruch und erzählen was von "Denkverboten" - vielleicht, weil ihnen die Argumente fehlen. Das ist natürlich Humbug. Man muss gar nicht ins Internet gehen, schon die gute alte Zeitungslandschaft bietet einen großen Potpourri von ganz verschiedenen Meinungen, von irgendeiner "Einheitsmeinung" kann ich nirgends was erkennen.
Mich interessiert es immer, was genau die Menschen damit meinen, wenn sie von einer Einheitsmeinung sprechen. Auch der Begriff "politisch korrekt" ist für mich etwas verwirrend, denn es geht ja dabei meistens darum, dass man sich an eine bestimmte Verhaltensregel nicht halten möchte, auf die sich die Gesellschaft durch irgendeine Art von "Ritual" geeinigt hat.

Ich nehme mal das Beispiel "Mohrenkopf" VS "Schokokuss"
Bei der Wikipedia gibt es einen (aus meiner Sicht sehr sachlich beschriebenen) Artikel zu dem Begriff "Mohrenkopf". Hier wird die Herkunft des Gebäcks und seines Namens sehr gut erklärt. Im privaten Umfeld bin ich es schon immer gewohnt, den Begriff "Mohrenkopf" zu verwenden und sehr selten höre ich "Schokokuss". Ich würde nicht den Begriff "Negerkopf" verwenden und würde mir automatisch die Frage stellen, was wohl dahinter steckt, wenn jemand in meiner Anwesenheit diesen Begriff verwenden würde. Nach meiner Ansicht ist der Begriff "Neger" negativ belegt und stellt deshalb für mich stets eine bewusste Herabwürdigung von Menschen mit dunkler Hautfarbe dar. Die Hersteller des Gebäcks wollen sich allen Kunden gegenüber respektvoll und zurückhaltend präsentieren und schreiben deshalb auf die Packung ganz sachlich entweder "Schaumkuss", "Schokokuss" oder ähnliches, natürlich gibt es auch Markenprodukte wie z.B. "Dickmann's" wo klein gedruckt auch "Schokokuss" als Beschreibung für das Gebäck aufgedruckt steht.

Wenn nun jemand in meiner Anwesenheit sich darüber echauffiert, dass es lächerlich sei, weil man jetzt noch nicht einmal "Negerkuss" sagen dürfe, ohne gleich als Nazi abgestempelt zu werden, denjenigen würde ich fragen, warum es für ihn eigentlich so wichtig ist, einen bewusst so herabwürdigen Begriff wie "Neger" benutzen zu wollen, obwohl es doch einen ganz allgemein anerkannten und sachlichen Namen für dieses Gebäck gibt. Sprache ist wichtig und sagt viel über denjenigen aus, der bestimmte Worte und damit auch eine ganz bestimmte Sprache wählt. Nach meiner Überzeugung setzt jeder (bewusst oder unbewusst) durch die Wohl der Worte/Begriffe bei den Zuhörern den "Rahmen" zu dem "Bild", was der Gesprächspartner präsentiert bekommt. Wer also - um in meinem Beispiel zu bleiben - das Begriff "Negerkuss" wählt und darauf besteht, dass er KEIN NAZI sein, nur weil er den Begriff benutzt, der wird dennoch oft von seinem Gegenüber in den "Rahmen" Nazi gestellt, einfach, weil das allgemeiner gesellschaftlicher Konsenz ist - mein Schwiegervater würde sagen "Weil es sich so gehört!"

Liebe Marianne, damit will ich Dir aber nicht unterstellen, dass Du so denkst, sondern wollte nur ein Beispiel für meine Sicht auf den Begriff "Political Correctness" im Sinne von "Gesellschaftlicher Konsens" schildern.
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#13

Beitrag von migoe » Fr 18. Okt 2019, 20:31

Lieber Marc,
Marc hat geschrieben:
Fr 18. Okt 2019, 19:27
Für die Teilnahme an Demonstrationen, egal ob Fridays for Future oder etwa eine Demo gegen das Agrarpaket, dürfen (zumindest in Niedersachsen) keine Unterrichtsbefreiungen ausgesprochen werden. Die Teilnahme an einer Demonstration während der Unterrichtszeit gilt schulrechtlich als unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht, daran ändert auch eine (Bitte um!) Entschuldigung eines Elternteils nichts. Die Teilnahme an Demonstrationen rechtfertigt schulrechtlich nicht das Fernbleiben vom Unterricht, da das Demonstrationsrecht in der unterrichtsfreien Zeit ausgeübt werden könnte.
rein sachlich stimme ich zu. Es ist aber nachvollziehbar, dass die FFF-Demos während der Schulzeit stattfinden, um ein Zeichen zu setzen. Mich überzeugt das Argument "Warum noch in die Schule, wenn wir sowieso keine gute Zukunft mehr erwarten können?!", auch wenn ich davon überzeugt bin, dass längst nicht alle, die bei diesen Demos dabei sind, aus purer Überzeugung da hin gehen. Bestimmt wird es viele geben, die nur allzu gerne die Schule schwänzen und mit FFF auch noch ein "gutes Argument" liefern können. Ist fragwürdig und sicher nicht im Sinne der grundsätzlichen Idee hinter FFF, aber letztlich überwiegt für mich der Vorteil für die Gesellschaft allgemein und die Jugend im Speziellen - die Zukunft wird zeigen, ob es wirklich so kommt.

Kurz noch zu FFF: diejenigen, die sich aufregen, weil Kinder und Jugendliche am Freitag auf die Straße gehen statt in die Schule, um die Erwachsenen (im Allgemeinen) und Politiker (im Speziellen) dazu zu bringen, die richtigen Weichen zu stellen, um die Gesellschaft der Zukunft anders zu gestalten, sollten sich vielleicht die Frage stellen, welche Verantwortung sie selber dafür haben und was sie bisher dafür getan haben, um die Gesellschaft positiv zu gestalten und zu ändern. Für mich steht außer Frage, dass meine Generation und die meiner Eltern hier zumindest nicht immer die richtigen Weichen gestellt haben (Atomkraft, Ausbau der regenerativen Energien usw.)
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#14

Beitrag von fille » Fr 18. Okt 2019, 21:02

Das Wort Konsens kam jetzt öfter vor. Bei Wikipedia steht:
Der Konsens bedeutet die übereinstimmende Meinung von Personen zu einer bestimmten Frage ohne verdeckten oder offenen Widerspruch.
Irre ich mich oder ist da eigene Meinung nicht gefragt?
Wenn nun jemand in meiner Anwesenheit sich darüber echauffiert, dass es lächerlich sei, weil man jetzt noch nicht einmal "Negerkuss" sagen dürfe,
Negerkuss, diesen Ausdruck habe ich noch nie gehört! Ich kenne aber den Mohrenkopf.

Schönen Abend noch euch allen

Marianne
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#15

Beitrag von Nicky » Fr 18. Okt 2019, 23:00

uiii. da habt ihr ja fleissig geschrieben, während ich auf der Arbeit war. Mal sehen, ob ich alle Punkte aufgreifen kann, zu denen ich etwas schreiben möchte. ;-)
Also, die Gärtner wollen ihr Gestrüpp auch außerhalb der Weihnachtszeit verkaufen und nehmen deshalb den Namen "Herbststern", weil - wer kauft im Oktober schon was mit dem Namen "Weihnachten". Google-Dauer: 0,34 Sekunden.
So hätte ich auch argumentiert und freue mich, dass es auch andere gibt, die eine Sachfrage einfach nur sachlich beantworten und nicht eine große "Verschwörung" dahinter sehen. 
Ja, natürlich hätte ich mich auch mit meinem Handy an die Kasse stellen können und googeln können. Aber das hat die Situation nicht hergegeben. Außerdem hinterfrage ich halt lieber was bei "richtigen" Menschen ;-)
Und..... mal so nebenbei.... ich habe schon die ersten Lebkuchen und Pfeffernüsse gegessen, obwohl es erst Oktober ist ;-)

Für eine "Verschwörung" habe ich das ganze auch nicht gehalten, aber ich fand es doch schon seltsam, als mich genau dieser Kassierer auch darauf aufmerksam machte, das auf den Verpackungen des Weihnachtsbaum- schmucks und der Weihnachtsbeleuchtung auch jeweils das Wort "Weihnacht" nicht mehr vorhanden ist. Da ich gestern meine Weihnachtsdeko aus dem Keller geholt habe, habe ich mal einen Blick auf die Verpackung geworfen, die ich (auch bei Aldi) vor 4 Jahren gekauft habe. Und siehe da. Es steht tatsächlich noch das Wort Weihnacht mit drauf.
Jugendliche schließen sich gern und voreilig Meinungen an, ohne diese genau hinterfragt oder abgewogen zu haben (was auch meine zentrale Kritik an Fridays for Future ist).
Ja. Das ist auch das was mich daran stört. Hinterherlaufen, weil es die Masse macht, teilweise ohne das eigene Verhalten zu hinterfragen oder zu ändern. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Gruppe Jugendlicher (von 13-15 jahre alt), die nicht an den Freitagen mit demonstrieren, sondern sich an den Wochenenden!!! treffen und sich Aktionen ausdenken, wie man für mehr Aufklärung zum Thema Umweltschutz bei der ganz normalen Bevölkerung sorgen kann. Sie entwerfen z.B Infomaterial mit guten Tips zur Müllvermeidung usw. Das ist etwas, was ich wirklich richtig gut finde. Sich informieren, eine eigene Meinung bilden und dann auch noch in seiner Freizeit aktiv werden. Diese Jugendlichen haben meine volle Hochachtung.

Dann vielleicht noch was zum Thema "Schaumküsse". Ich erwische mich auch hin und wieder (esse das Zeug ja nicht ständig ;-)) dabei, das ich das Wort "Negerkuss" benutze. Das mache ich aber nicht um jemanden herab zu würdigen, sondern einfach, weil es seit 43 Jahren in meinem Sprachgebrauch ist. So wie ich auch nicht das Wort "Taschentuch", sondern "Tempo" benutze und nicht "Windel" sondern "Pampers" sage. Das ist bestimmt nicht politisch korrekt, aber was sagt das jetzt über mich aus? Bin ich dadurch Ausländerfeindlich? Gebe ich mir nicht genügend Mühe meine Sprache zu kontrollieren? Oder benutze ich nur ein altes Wort, bei dem ich mir nichts böses denke? Am Rande bemerkt, ich habe Jahre meiner Kindheit in Südafrika gelebt.....

Ich habe heute Früh aus Zeitgründen nur diese zwei Themen (den Herbststern und FFF) angesprochen. Mich würde mal interessieren, zu welchen Themen ihr sonst gerne eure Meinung abgebt und offen aussprecht, auch wenn Gegenwind zu befürchten ist.

Ich kann mit euren Einwänden und Meinungen zu den Themen bisher sehr gut leben, auch, wenn ihr meine Meinung nicht unbedingt teilt. Scheint bisher in diesem Forum also gut zu funktionieren, migoe. ;-)

Liebe Grüße
Nicole
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...sag nichts, ich seh's dir an, Kinder erkennen sich am Gang...

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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#16

Beitrag von moni » Fr 18. Okt 2019, 23:36

Oh ja Marc, ist schon lange her, dass ich Entschuldigungen geschrieben habe. Ich habe auch immer die Lehrer gebeten das "Fernbleiben vom Unterricht, meines Kindes zu entschuldigen."
Dein Satz hat mich wieder daran erinnert.
Ich glaub, ich werd langsam alt. Meine Jungs sind schon soooo lange aus der Schule.
Der Post war jetzt, Thema verfehlt. ;-)
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:wau:
A bas les armes!

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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#17

Beitrag von Michael » Sa 19. Okt 2019, 14:29

Hallo,

@Marc: Stimmt schon, die Familie gehört genauso dazu. Ich hatte eher ein systematisches Argumente-Sammeln und Debattieren im Sinn, das lässt sich unter "gleichen" besser kennen lernen als in einer Familie, wo es nun mal keinen "herrschaftsfreien Diskurs" gibt. Aber wir versuchen es auch und sind auf einem guten Weg. Unsere Tochter zeigt bei Themen wie "Ins-Bett-Gehen" oder "Youtube-Gucken" schon recht ordentlich ihren streitbaren Geist. Das mit dem Bilden einer eigenen Meinung ist wirklich ein Problem, das hab ich auch schon festgestellt. Möglicherweise hat man das aber auch in Schule, Uni (und Elternhaus) zu lange vernachlässigt oder für weniger wichtig gehalten

@Marianne: Das mit der Einheitsmeinung hab ich von Dir auch als Ironie verstanden - wenn's doch nur jeder ironisch meinen würde...

@Nicky: Man kann an der Kasse nicht zu googlen anfangen, aber hier hat ja offenbar die Firma Aldi es nicht für nötig gehalten, ihre Mitarbeiter auf solche Fragen vorzubereiten - was ich auch verstehen kann, die haben ja besseres zu tun, aber schade ist es schon, dass von dieser Seite auch keine Aufklärung kommt, die der Kunde in Migoes Geschäft bekommen hätte (wenn auch vielleicht ohne Verwendung des Wortes "Gestrüpp"). Was die Lichterketten angeht: Die brennen auch monatelang, wer weiß, ob da nicht auch Marketingfragen dahinterstehen und das Gewinnen neuer Kundenkreise. Bei uns in der Nachbarschaft schmückt niemand sein Haus im Advent so ausladend wie unser türkischer Nachbar. Die wohnen allerdings schon Jahrzehnte hier, möglicherweise ist der Schock über das deutsche Weihnachten in eine Überkompensation umgeschlagen. Ich habe mir bei solchen Dingen aus der Erfahrung der letzten Jahre jedenfalls angewöhnt, erstmal nicht an die Erklärung "Einknicken vor dem Islam" zu glauben. Inzwischen sind soviele dieser Geschichten durch's Internet oder die Bild-Zeitung gezogen worden, die sich als Unwahr herausgestellt haben.
Wir haben früher übrigens auch nicht "Negerkuss" sondern "Mohrenkopf" gesagt. Ich rede jetzt nicht so häufig über diese Süßigkeit, habe mich aber schon dabei ertappt, wie ich im Gespräch "Schokokuss" sagte, ohne drüber zu stolpern. Und eine Praktikantin jüngeren Jahrgangs meinte neulich, dass sie "Negerkuss" noch nie gehört hätte, für sie waren das immer "Schaumküsse". Eine Frage der Zeit.

Liebe Grüße, Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#18

Beitrag von Eurydike » So 20. Okt 2019, 11:16

Ihr Lieben,

jetzt will auch ich mich mal wieder zu Wort melden. Immerhin wurde hier der Auslöser der aktuellen Klimadebatte angesprochen, welche für mich zum wichtigsten Thema der heutigen Zeit geworden ist. Fridays for Future!
Mir geht es wie Moni. Gingen meine Söhne noch zur Schule, wäre ich stolz, sie Freitags bei der Demo zu wissen. Und wenn die Schule dies sanktionieren sollte, würde ich meinen Kindern den Rücken stärken und zu ihnen stehen. Allerdings sind meine Söhne keine Schulkinder mehr und meine Enkel noch nicht.
Nicky schrieb:
Ob das durch Schuleschwänzen gelingt, wage ich zu bezweifeln.
Hältst du das, was diese Kinder tun, wirklich für Schuleschwänzen? Meine Kolleginnen sind der Meinung, diese Kinder müssten bestraft werden. Sie sollten außerdem lieber in ihrer Freizeit streiken oder zumindest den verpassten Schulstoff Samstags nachholen.
Ich kann solche vereinfachenden Aussagen nicht nachvollziehen. Die Menschheitsgeschichte hätte einen völlig anderen Verlauf genommen, hätten sich alle an solche Vorgaben gehalten.
"Streik? Ja, aber bitte nur nach der Arbeit oder am Wochenende, sonst schadet er ja dem Unternehmer!!!"
Die Menschen haben schon immer durch Streiks eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse erzwungen. Maßgeblich dabei ist aber, dass es WÄHREND der Arbeitszeit stattfindet. Im Falle der Kinder ist es daher nun mal die Schulzeit.
Ich glaube nicht, dass sich auch nur ein einziger Politiker dafür interessiert hätte, wäre Greta Thunberg samstags vorm Parlamentsgebäude aufgetaucht.
Wenn heutzutage in den Industrienationen irgendwo gestreikt wird, geht es immer um mehr Geld oder um kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Gehalt. Ist auch jedem zu gönnen. Aber es geht eben nur ums finanzielle Wohlergehen. Bei diesen Kindern geht es mittlerweile ums Überleben. Da finde ich jedes "Schwänzen" mehr als gerechtfertigt.
Und auch weil es in diesem Thread um die Meinungsfreiheit geht, sollten wir die Kinder unterstützen. Wieso sollten sie ihre Meinung nur zu den uns genehmen Zeiten vortragen dürfen?
Nicky schrieb:
Mir ist klar, dass ich mit dieser Aussage jetzt viele gegen mich aufbringe, aber ich kann sowas auch nicht einfach runter schlucken, nur weil meine Meinung dazu nicht massentauglich ist.
Hier muss ich sagen, dass deine Meinung leider eben doch die "massentaugliche" ist. Ich erlebe es täglich. Es ist die absolute Mehrheit der Meinung, dass die "Fridays for Future"-Kinder lieber in die Schule gehen, als sich in Sachen einmischen sollen, von denen sie nichts verstehen.

Ich denke, der überwiegende Grund für die Ablehnung der FFF-Bewegung ist der, dass sich die Leute einfach keinen Spiegel vorhalten lassen und ihre bequemen Verhaltensmuster nicht ändern möchten. Die Menschen wurden regelrecht aggressiv, weil vor kurzem in der Großstadt Leipzig eine weitere Straße zur Fahrradstraße gemacht wurde. Es ist die fünfte (5!!!) von knapp 3.000 Straßen, in welcher Radfahrer das Privileg genießen, etwas mehr Rechte zu haben als Autofahrer. Und es sind immer kurze Nebenstraßen.
Oder über 80 % der Deutschen wollen NICHT dem Klima zuliebe auf ihre Flugreisen in den Urlaub verzichten. Diese Einstellungen müsste man ja hinterfragen.
Und ich denke, auch bei allen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Interessen, müsste das Erhalten des eigenen Lebensraumes doch Priorität genießen. Aber noch herrscht diese "nach mir die Sintflut"-Mentalität. Was kümmern mich die Probleme der Menschheit von morgen? Ich lebe heute!!!
Ich kann diese Einstellung nicht teilen. Ich habe Kinder und Enkel, welche ich sehr liebe. Und ich hoffe inständig, dass meine Enkel irgendwann die Chance haben, das Gleiche über ihre Enkel zu sagen. Und diese wiederum über ihre ...

Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel gelesen, der das wunderbar wiedergibt. Ich habe ihn gespeichert und würde ihn als Schlusswort hier gern verlinken.

Heike
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#19

Beitrag von migoe » So 20. Okt 2019, 12:04

Liebe Heike,
Eurydike hat geschrieben:
So 20. Okt 2019, 11:16
Ich denke, der überwiegende Grund für die Ablehnung der FFF-Bewegung ist der, dass sich die Leute einfach keinen Spiegel vorhalten lassen und ihre bequemen Verhaltensmuster nicht ändern möchten. Die Menschen wurden regelrecht aggressiv, weil vor kurzem in der Großstadt Leipzig eine weitere Straße zur Fahrradstraße gemacht wurde. Es ist die fünfte (5!!!) von knapp 3.000 Straßen, in welcher Radfahrer das Privileg genießen, etwas mehr Rechte zu haben als Autofahrer. Und es sind immer kurze Nebenstraßen.
Oder über 80 % der Deutschen wollen NICHT dem Klima zuliebe auf ihre Flugreisen in den Urlaub verzichten. Diese Einstellungen müsste man ja hinterfragen.
Und ich denke, auch bei allen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Interessen, müsste das Erhalten des eigenen Lebensraumes doch Priorität genießen. Aber noch herrscht diese "nach mir die Sintflut"-Mentalität. Was kümmern mich die Probleme der Menschheit von morgen? Ich lebe heute!!!
Ich kann diese Einstellung nicht teilen. Ich habe Kinder und Enkel, welche ich sehr liebe. Und ich hoffe inständig, dass meine Enkel irgendwann die Chance haben, das Gleiche über ihre Enkel zu sagen. Und diese wiederum über ihre ...
ich kann Deine Argumentation so gut nachvollziehen und schließe mich Dir an! Zusätzlich fällt mir in diesm Zusammenhang eine Ergänzung ein. Dazu muss ich einen Schlenker in die Geschichte unternehmen :pfeifen:

Irgendwann im Mittelalter (so um das Jahr 1350 n.Chr.) brach die Beulenpest in Europa/Deutschland zum ersten mal (dokumentiert) aus und es starben unzählig viele Menschen daran. Mir geht es jetzt aber nicht darum, WO der "Schwarze Tot" zum ersten Mal aufgetreten ist (nämlich im Orient oder in China - je nach Quelle), sondern WAS die Ursache dafür war. Viele Jahrhunderte lang kam es immer wieder zu Ausbrüchen der Krankheit, jedesmal mit verheerenden Folgen. Die Menschen wussten nicht, was der Auslöser der Seuche war und konnten auch die "Systematik" nicht erkennen, nach der Menschen erkrankten und starben. Eine "Wissenschaft" wie im heutigen Sinne gab es nicht und so waren die "Deuter der Zeichen" vor allem Menschen aus dem Umfeld der Katholischen Kirche. Die Schuld an der Misere/Krankheit/Seuche wurde Menschen gegeben, die sich im Sinne der allgemeinen Lehre unzüchtig/sündig/gotteslästerlich usw. verhielten. Das waren häufig (aber nicht immer) Frauen...aber auch darauf will ich nicht hinaus.

Heute wissen wir,
Auszug aus der deutschsprachigen Wikipedia:

als Ursache gilt die durch das Bakterium Yersinia pestis hervorgerufene Pest. Das Wort „Pest“ leitet sich vom lateinischen Wort pestis für Seuche ab und wird daher auch ohne direkten Bezug auf die Krankheit Pest verwendet
Übertragen wurde das Bakterium durch Flöhe, die wiederum als Wirt im Fell von Ratten lebten und von diesen auf den Menschen übersprangen, weil im Mittelalter die hygienischen Bedingungen (nicht nur im Vergleich zu heute) katastrophal waren. Es gab keine Toiletten, die Menschen verrichteten ihre Notdurf auf offener Straße, wie es auch alle Nutztiere taten, die sie in ihren Häusern hielten und mit denen sie teilweise in einem Raum übernachteten (es gab ja keine Zentralheizungen), Essensreste und anderer Müll wurde ebenfalls direkt auf die Straße entsorgt. Es gibt unzählige Erzählungen aus dieser Zeit, die das belegen.

Jetzt komme ich zu meinem eigentlichen Punkt! :blabla:

Wäre damals jemand hergegangen und hätte sich während/vor einem Gottesdienst VOR der Kirche hingestellt und den Menschen gesagt, dass es keine Hexen sind, die den schwarzen Tod bringen, sondern das die Ursache dafür letzendlich mit der Art und Weise zusammenhängt, wie die Gesellschaft organisiert ist und wie sie mit ihrer Umwelt umgehen, dann wären die (gemäßigten) Reaktionen wahrscheinlich ähnlich gewesen wie das heute der Fall ist, wenn ein 16jähriges Mädchen sich während der Schulzeit vor ihre Schule setzt und einfach nur sagt, dass endlich etwas gegen die eigentlichen und tatsächlichen Ursachen für unsere heutigen Umweltprobleme getan werden muss. Die radikaleren Reaktionen erinnern mich aber auch an das Mittelalter, Stichworte: Stigmatisierung/Verächtlichmachung/Hexenverbrennung!

Für mich ist beschämend, dass seit Jahrzehnten die Datenlage bekannt ist und immer genauere Daten vorliegen, weil auch die Zahl der wissenschaftlichen Studien immer größer wird. Die "Profis" aus der Wissenschaft melden seit Anfang der 1970er Jahren, wie es um die Umweltproblematik steht und was die (wahrscheinlichen) Ursachen dafür sind. Doch Wissenschaftler machen keine Politik, sondern forschen, stellen Erkenntnisse zusammen, geben vielleicht noch Tipps, was geändert werden müsste. Die Aufgabe, Gesellschaft zu ändern hat aber die Politik - so sind wir in unserer modernen Zeit organisiert. Die Politik muss einen Rahmen (Gesetze) vorgeben, nach der die Wirtschaft dann ausgerichtet wird. Genau hier ist das "System" krank - und war es auch im Mittelalter. Ich könnte hier noch 10 Bildschirmseiten voll schreiben, was genau krank an unsererem Wirtschaftssystem aus meiner Sicht ist - aber das würde zu weit führen.

Wir kennen die Ursache, wir kennen die Lösung, was fehlt ist der Wille, die Lösung anzupacken.

Ja, ich weiß, wieder so ein Bild, was hinten und vorne hinkt, aber so erkläre ich für mich manche Dinge, die sich in unserer Zeit abspielen und in 100 Jahren werden unsere Ur-Enkel entsetzt sein über unsere Naivität und Rückständigkeit, sie werden sich sagen, damals war die Menschheit einfach noch nicht so fortschrittlich und aufgekärt wie wir heute...und damit haben sie ganz bestimmt recht!

Schade :cry:
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Re: Kann man in Deutschland eigentlich noch offen seine Meinung sagen/schreiben?

#20

Beitrag von Nicky » So 20. Okt 2019, 13:21

Hallo migoe,
gerade eben beim lesen eurer Antworten fällt mir auf, warum es manchmal so schwer ist, seine "unpopuläre" Meinung in einem Forum, sei es dieses Forum oder andere Foren, bei denen man sich persönlich nicht so wirklich richtig gut kennt kund zu tun. (Ich glaube, das war ja der eigentliche Grund des Threads, als du ihn eröffnet hast) ;-) Mit dem FFF Thema war ich mir ganz sicher, das ich ein Thema auf den Tisch bringe, über das man sehr verschiedener Meinung sein kann. ;-)

Aber mir fällt gerade auf, dass man wenn man sich nicht wirklich gegenüber sitzt und ein richtiges Gespräch führt, leicht missverstanden werden kann, oder man vielen Aussagen nicht direkt ein Argument entgegen bringen kann. Vielleicht auch ein Grund, warum manche Menschen ihre Meinung nicht gerne in einem solchen Rahmen sagen.

Zum Beispiel finde ich Demonstrationen richtig und wichtig. Ich gehe hin und wieder auch selber auf Demos. Allerdings tatsächlich nur, wenn sie an meinen freien Tagen stattfinden. Mein Arbeitgeber kann ja nichts dafür, dass ich z,B, ein klares Zeichen gegen rechts setzen will, wenn ich mit zehntausend anderen durch Hamburg laufe.

Ob das schwänzen bei den FFF Kindern bestraft werden sollte oder nicht, oder ob ich -wenn ich Kinder hätte-, sie schwänzen lassen würde, ist mir im Prinzip egal, weil ich davon nicht betroffen bin. Diese Entscheidung muss jeder für sich selber fällen.

Ich denke aber dennoch, dass man auf ganz einfach Weise mehr bewegen könnte, wenn man sein eigenes Verhalten einfach ändern würde. Ich mach das jetzt einfach mal an mir selber fest. (Ich bin ja kein Ökoschwein dem die Zukunft der Erde egal ist, nur weil ich die FFF Bewegung für Quatsch halte) ;-)
Ich habe kein Auto, fahre ausschließlich mit der Bahn in den Urlaub, nutze "Ökostrom", bin Vegetarier, habe viele Plastikgegenstände z.B. Folien usw durch Wachstücher & Co. ersetzt. usw. Aber trotzdem gibt es auch bei mir noch Umweltbaustellen. So produziere ich immer noch zuviel Müll, nutze zu selten die Unverpacktläden und kaufe mir, wenn ich unterwegs bin meine Getränke oft in Plastikflaschen.

Trotzdem glaube ich, dass wenn jede Familie der FFF Kinder ihr Verhalten genauso ändern würden, viel mehr bewegt werden könnte, als das singen und tanzen Freitags auf der Strasse.

Nochmal zu deinem "Experiment hier im Forum ;-) Das ist einfach nur meine Meinung, die allerdings niemand teilen muss ;-)

Schade, dass noch immer kein anderes Thema auf den Tisch gekommen ist. bin noch immer neugierig ;-)

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
Nicole
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