Tag 17 - Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden Thema ist als [erledigt] markiert

Dieses satirische Lied über Politiker und ihre Motive, sich in der Politik zu engagieren, schau ich mir heute genauer an

In diesem Unterforum werden die Rezensionen und Gespräche zu den einzelnen Lieder Reinhard Meys zusammengefasst
Forumsregeln
Das Projekt "Jeden Tag ein neues Lied" startete am 01.01.2023 und wurde am 27.01.2023 beendet.

Am 01.02.2023 startete die aktuelle Aktion "Ein Lied - viele Perspektiven" und auch mit diesem Projetk habe ich mir das Ziel gesetzt, mich nach und nach mit allen Liedern von Reinhard Mey zu beschäftigen und über meine Gedanken und Erlebnisse zum jeweiligen Lied zu erzählen.

Ich lade alle ein, die eigenen Gedanken beisteuern. Die Lieder sind es wert.
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Das Lied "Was kan schöner sein auf Erden..."...

Umfrage endete am Mo 23. Jan 2023, 01:00Bitte beachte, dass die Ergebnisse nach Anzahl der abgegebenen Stimmen absteigend sortiert sind.

...höre ich gerne, gehört aber nicht zu meinen Favoriten
4
40%
...ist eine gute Parodie
3
30%
...skippe ich immer weg, ist mir zu platt und polemisch
2
20%
...ist "HaHaHa, sehr witzig"
1
10%
...mag ich gerne und gehört zu meinen Favoriten
0
Keine Stimmen
...kenne ich, mag ich aber nicht so gerne
0
Keine Stimmen
...braucht kein Mensch
0
Keine Stimmen
 
Insgesamt abgegebene Stimmen: 10

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Tag 17 - Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden

#1

Beitrag von migoe »

Was hat es mit dem Projekt "Jeden Tag ein neues Lied" auf sich?
Am 01.01.2023 habe ich mit das Projekt Jeden Tag ein neues Lied gestartet mit dem Vorsatz, ein Jahr lang jeden Tag ein anderes Lied von Reinhard Mey zum Thema zu machen und aus einer eigenen Perspektive zu beleuchten.

Das Prinzip ist simpel und bereits im Namen wird erklärt, was genau ich damit meine: ich werde jeden Tag in diesem Forum ein Lied des Tages posten und in Form eines Videos in den Beitrag einbauen. Die Idee dahinter ist, mich selbst mit den Liedern auseinanderzusetzen, meine Einstellung bzw. meine "Beziehung" zum jeweiligen Lied zu beschreiben UND gleichzeitig alle dazu einladen, die eigene "Geschichte zum Lied" mit den anderen Besuchern des Forums zu teilen.

Zu jedem Lied starte ich zudem eine Umfrage, die je nach Situation einen Tag oder eine Woche laufen soll und bei der alle kurz und knackig ihre Einstellung zum Lied abgeben können, ohne einen eigenen Beitrag dazu schreiben zu müssen - obwohl das natürlich auch erwünscht und geboten ist, schließlich ist das hier ein Forum ;-)
Das heutige Lied des Tages ist:
Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden

Album Version

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Das Video habe ich auf dem YouTube Kanal von gebjgbtl571b gefunden.

Bühnenversion

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Reinhards Ankündigungstext auf der Bühne (Quelle: Album "20.00 Uhr") Zitat:
Nun kommt das nächste Lied ist aus meiner berufskundlichen Abteilung - umfasst bisher zwei Lieder - ich hab mir so ein paar Karrieren angesehen, die unter Umständen auch ganz Dufte wären und die erste davon, die ich mir vorgenommen habe, das ist der höhere Staatsdienst und das wär was Feines ... ah, eh ich vergesse es zu sagen ... das ist ein sehr anstrengendes Werk, danach würd ich ein kurzes Päuschen einlegen, wenn Sie nichts dagegen haben ... das Ganze klingt ein bißchen wie ein Squaredance - das ist auch Absicht, denn gewissen amerikanische Einflüsse sind bei diesem Lied nicht auszuschließen und außerdem ... der Anfang ist gesprochen, das ist vollkommen beabsichtigt ... nicht dass Sie denken, hier ist ihm noch keine Musik eingefallen ...
Dieses Video habe ich auf dem YouTube-Kanal gebjgbtl571b gefunden

Live Auftritt im SRF 1974

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Dieses Video habe ich auf dem YouTube-Kanal Lerche48.WernerS.63 gefunden

Beispiel für eines der vielen Cover auf YouTube

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Diese Video habe ich auf dem Kanal von Judith Brandstätter gefunden und zeigt für mich zwei typische Dinge:
1. Es ist ein sehr anspruchsvolles Lied
2. Es macht den Menschen auch heute noch Spaß, es zu singen
TRIGGERWARNUNG! HEUTE GEHT ES UM POLITIK!
Wer schnell Schnappatmung bekommt, wenn es um politische Themen geht, sich gerne selbst schnell in Rage redet oder sofort getriggert ist, wenn jemand politische Äußerungen tätigt, die nicht der eigenen politischen Überzeugung entsprechen, derjenige sei gewarnt:
Bild
Es könnte vereinzelt zu politischen Meinungsäußerungen in diesem Beitrag kommen. Es ist nicht immer sicher, ob es sich hierbei um ernstgemeinte Meinungen oder um mutwillige Provokationen handelt. Sei also vorbereitet und halte Dir vorsichtshalber die Augen zu, wenn Du den Bildschirm herunterscrollst, um nicht versehentlich über eine unangenehme und störende politische Meinung zu stolpern. Sollte es doch dazu kommen, dann sag Dir einfach ganz schnell dreimal hintereinander: "Was für ein Idiot! Was für ein Idiot! Was für ein Idiot!" und atme danach drei mal hintereinander tief ein und aus. Hilfreich könnte auch noch sein, mit dem vorderen Teil Deines Kopfes (Stirn) hart und deutlich ebenfalls 3x hintereinander gegen den Bildschrim vor Dir zu stoßen. Solltest Du ein mobiles Bildschirmgerät verwendet, kannst Du dieses JETZT auch sofort gegen die Wand schleudern. Du wirst sehen, das beruhigt ungemein.
Des einen Leid, ist des Anderen Freud...
Meldung Rücktritt Lambrecht vom 16.01.23.jpg
Meldung neuer Verteidigungsminister Pistorius vom 17.01.23.jpg
Quelle der Screenshots: www.tagesschau.de
Danke! Und jetzt kannst Du gerne weiterlesen...

Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden ist wohl der am meisten zitierte Liedtitel Reinhard Meys, auch wenn viele gar nicht wissen mögen, dass es ein Zitat von Mey ist, wenn sie diese Frage mit einem Augenzwinkern stellen.

Das Lied erzählt aus der Ich-Perspektive, wie der Protagonist, der sich selbst eingesteht, zurecht für einen Trottel gehalten zu werden und der sogar zu dumm für eine Karriere als Mannequin (heute sagt man Model) war, beschließt, für sich einen Beruf zu suchen, der erholsam ist und ihm ermöglichen soll, ohne viel Arbeit und Talent sehr schnell sehr viel Geld zu machen. Auf sehr anschauliche und lustige Art macht er deutlich, warum es sich lohnt in die Politik zu gehen indem er einen Freund zitiert, der ihm sagte: "Wer die Noten liebt, der mache Musik, doch wer die Banknoten liebt, der mache Politik".

Er beschreibt weiter die Vorteile einer Karriere als Politiker, wie den "Überfluss von Diäten" und die Möglichkeit, sein "Schäfchen ins Trockene zu holen". Der Protagonist im Lied ist sich sicher, dass er keine anständigen Fähigkeiten hat und ihn deshalb auch nichts daran hindert, eine Karriere als Politiker zu starten. Er freut sich außerdem, dass er das Insiderwissen, welches er durch seine Beziehungen zu einem Minister hat, für sich nutzen kann und er dadurch z.B. durch das Einfädeln von Rüstungsaufträgen Provisionen kassieren kann.

Er beschließt außerdem, eine Kampagne gegen Korruption zu starten, um seine politischen Gegener bloßzustellen und um sich selbst dadurch zu profilieren. Sehr stolz ist er darauf, dass er aufgrund seiner charakterlichen Eigenschaften keinerlei Probleme durch solche Dinge wie Gewissensbisse oder Schuldgefühle hat. Der Zukunft sieht er optimistisch entgegen, denn selbst wenn es irgend wann einmal eng für ihn werden sollte, kann er immer noch gesichtswahrend vorzeitig in Pension gehen und ist abgesichert.

Schießt Reinhard Mey mit dieser Beschreibung eines Politikers nicht über Ziel hinaus?
Der Politikertyp, von dem dieses Lied handelt, kennt keine Skrupel, ist gewissenlos und untreu - seinen Wählern und der eigenen Partei gegenüber. Er kümmert sich nicht um ethische oder moralische Verantwortung, hat nur den eigenen Vorteil im Sinn und ist bereit, andere zu opfern, wenn es ihm persönlich nutzt. Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Abscheu, die man fühlt, wenn man hört, wie unverschämt selbstbewusst und dreist dieser Politiker in dem Lied sich selbst und seine verkommene Einstellung feiert. So sehr ich es mir wünschen würde, dass es sich bei diesem Lied um eine absolut übertriebene Parodie des politischen Personals der 1960er Jahre handelt, muss ich eingestehen, dass die Beschreibung, die Reinhard Mey hier aufbietet, auch - oder gerade - heute nicht vollständig als unrealistisch genannt werden.

Ein "guter" *Politiker ist die eierlegende Wollmilchsau auf 2 Füßen!
An Politiker haben wir alle sehr hohe Erwartungen, und es gibt nur sehr wenige Menschen, die solche hohen Erwartungen auch wirklich aus- und erfüllen können. Es wird erwartet, dass Politiker die Interessen ihrer Wähler und die des Landes vertreten, und dass sie Entscheidungen treffen, die im besten Interesse aller Beteiligten sind. Außerdem sollen sie alle Probleme lösen und effektive politische Lösungen zu finden. Selbstverständlich wird auch erwartet, dass sie transparent und verantwortungsbewusst sind und dass sie ihre Entscheidungen und Handlungen gegenüber der Öffentlichkeit und dem Parlament jederzeit souverän erklären und rechtfertigen können. Sie sollen viel Lebenserfahrung mitbringen und einen "ordentlichen" Beruf gelernt haben, damit sie auch die Themen der normalen Leute kennen und die richtigen Gesetze machen können. Zu alt sollen sie aber auch nicht sein, um noch den Kontakt zur Jugend zu haben und offen für moderne Ideen und Lösungen zu sein. Sie sollen mit der Zeit gehen und das Althergebrachte bewahren.

Achja, und selbstverständlich wird erwartet, dass sie sich an die Regeln und Gesetze halten und ihre Ämter mit Integrität und Ehre ausüben. Politiker müssen aber auch Visionen und Ideen haben, die das Land in die Zukunft führen werden, dürfen dabei aber nicht allzu idealistisch sein und vor allem müssen sie ideologiefrei und progressiv die allgemeingültigen Ideale und Werte verteidigen und erneuern, erhalten und überwinden. Sie müssen gut mit den Medien zusammenarbeiten und ihr Programm gut vermitteln können, dürfen sich aber auch nicht anbiedern. Wer dem Volk nach dem Mund redet ist ein Populist, aber wehe, die Menschen verstehen nicht, warum die Politik etwas macht, dann sind sie abgehoben und haben sich zu weit von ihren Wählern entfernt.

Das alles, ohne einen einzigen Fehler zu machen oder einzugestehen, denn das würde ihnen als Schwäche ausgelegt werden.

Niemand wählt einen schwachen Politiker!
Wolfgang Buck hat es einmal auf einem Konzert sehr gut auf den Punkt gebracht, warum die Politiker sind wie sie sind.
Auf die Namen der Politiker kommt es nicht an, deshalb ist dieser "Realtalk" auch heute noch aktuell, es müssen halt nur die jeweiligen Namen "aktualisiert" werden!
Politiker sind nicht die Vorbilder des Volkes sondern die Repräsentanten :applaus:

Die Idee mit den Trickots ist ja wirklich sehr gut und es gibt sogar eine Partei, die sich genau dafür ausspricht, und interessanterweise ist das eine Satire-Partei:
Vorschlag von Nico Semsrott zur Darstellung der Einnahmen von Politikern
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Reinhard Mey beschreibt den typischen Trump-Politiker
Eines muss ich aber schon noch loswerden: Reinhard Mey hat hier ja eine Parodie geschrieben, hat sich also an real existierenden Politikern aus der Zeit der Entstehung dieses Lieds die miesesten und unangenehmsten menschlichen Eigenschaften in einen einzigen Politiker hineingeschrieben. Wer das liest/hört, kann immer mindestens einen Politiker aufsagen, der eine oder zwei dieser Eigenschaften hat. Was aber nicht unbedingt "denkbar" war, ist die Überlegung, dass es wirklich so abgrundtiefschlechte Menschen/Politiker geben könnte, die genau so denken, fühlen, handeln und reden, wie der Protagonist in dem Lied UND dazu auch noch offen stehen. Und dann kamen Donald Trump und Jair Bolsonaro ... und jetzt weiß ich auch nicht mehr, ob die Parodie so schlecht gealter oder sich die Realität so mies entwickelt hat :grübel: ... beiden sind vorerst einmal "weg vom Fenster", aber das muss ja nicht so bleiben, und in Europa schicken sich andere an, in deren Fußstapfen zu steigen... *hust*Friedrich*räusper*Merz*krächz* ...

Nichtwählen ist auch keine Lösung!
Meiner Meinung nach spiegelt die Beliebtheit und die Bekanntheit, die das Lied Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden heute noch hat, die grundsätzliche Skepsis und das Misstrauen gegenüber gewählten Volksvertretern von einer großen Zahl Menschen in Deutschland. Das ist sicher in anderen Ländern genauso, aber deswegen ist das ja nicht besser. Lieder wie dieses tragen meiner Überzeugung nach auch dazu bei, dass die "Politik(er)verdrossenheit" stets latent bestehen bleibt.

Ich habe die selbe Einstellung wie Wolfgang Buck zur Frage: "Welche Politiker kommen an die Macht?", nämlich, es kann
  1. immer nur aus dem vorliegenden Material gewählt werden, was bedeutet, wenn diejenigen, die ethisch, moralisch, charakterlich und menschlich zwar ungeeignet für die Aufgabe sind, aber sich als Einzige aufstellen lassen, dann wird halt nur zwischen den Arschlöchern von Level 5-10 gewählt und
  2. wenn sich diejenigen, die wählen können und dürfen (es ist ein Privileg, wählen zu können), es aber nicht tun, dann "wählen" sie damit ja trotzdem, nur nicht bewusst und gezielt, sondern sie "ergeben" sich der wählenden Minderheit.
Nichtwähler stellen in Deutschland die größte "Wählergruppe"
Ja, richtig gelesen, die Wähler sind mittlerweile in der Minderheit, denn in Deutschland nehmen seit langem immer weniger Menschen ihr Wahlrecht in Anspruch. Mittlerweile ist es so, dass die Nichtwähler bei den Wahlen "die meisten Stimmen" hätten - würden sie denn alle eine einzige Partei wählen - siehe Wikipedia Eintrag "Nichtwähler".
Übrigens...Am 12.02.2023 wird in Berlin gewählt: Die Wahlen für das Abgeordnetenhaus und alle zwölf Bezirke müssen komplett wiederholt werden. Warum in Berlin die Wahl wiederholt werden muss und warum es sich nicht um eine Neuwahl handelt, beleuchtet u.a. das Magazin politik.watson.de.

Leute in Berlin: geht wählen! Bitte!
Nur die Weicheier treten zurück!?
Bild
Bei Politikern gibt es scheinbar nur zwei Kategorien, wenn es darum geht, ob aus politischer Verantwortung auch persönliche Konsequenz (=Rücktritt) folgt,
  1. nämlich einerseits diejenigen, die bei der kleinsten Kritik einknicken und zurücktreten (nennen wir sie einfach mal wie Wolfgang Buck: Weicheier),
  2. und dann diejenigen, für die es überhaupt keine Gründe gäbe, von ihrem Posten zurückzutreten, es sei denn, Gott selbst würde es Ihnen durch die Stimme in einem Dornenbusch mitteilen (nennen wir sie der Einfachheit halber in Anlehnung zum ersten Begriff: die mit Eiern aus Stahl)
Meine nicht ganz ernst gemeinte Auswertung bzw. Zuordnung...
Die Weicheier sind bekannt, weil es von Ihnen eine offizielle Liste gibt, die auf der Webseite des Bundestags öffentlich abgerufen werden kann:
Kapitel_06_12_Kanzler-_und_Ministerr__cktritte-data.pdf

Für die Eier aus Stahl, habe ich eine eigene kurze Liste erstellt, die aber vollkommen subjektiv ist ;-) und für die ich mich hiervon inspiriert habe - und das sind auch nur die, mit den dicksten Eiern - und danch ist wirklich Schluss mit der Polemik (ich gebe mein Ehrenwort!)
  • Olaf Scholz (SPD)
  • Armin Laschet (CDU)
  • Andreas Scheuer (CSU)
  • Jens Spahn (CDU)
Und was gibt es noch zum Lied zu sagen?
Der "Tanz" geht über 4 Runden (Strophen) zu je 12 Schritten (Versen) im ersten Teil, die jeweils begleitet werden von einer wiederkehrenden Figur (Refrain) im zweiten Teil, die aus 8 Schritten (Versen) besteht. Wie bei sehr vielen Liedern Meys, ist das Versmaß auch in diesem Lied ungebunden, es wird kein Versfuß verwendet, das Reimschema ist durchgängig als Paarreim umgesetzt also aabbccddeeff | aabbccdd ... was es deutlich leichter macht, den Text in der notwendigen Geschwindigkeit zu singen. Ein Square dance hat ca. 130-140 Schläge in der Minute und das zieht ganz schon rein :confetti: :gutelaune:
Beispiel für das Reimschema in der wiederkehrenden Figur ... ähm Refrain Zitat:
Was kann schöner sein auf Erden
Als Politiker zu werden?
Vom Überfluss der Diäten
Platzen dir die Taschen aus den Nähten
Du kannst dir auf leisen Sohlen
Dein Schäfchen ins Trock'ne holen
Prost, es lebe die Partei
Frisch und fromm und steuerfrei
Das Lied ist, wie Reinhard Mey selbst auf der Bühne es beschreibt, im Original als eine Art Square Dance gehalten und das wurde bewusst so gewählt. Einerseits als Referenz auf die amerikanischen Einflüsse in die deutsche Politik, die nach dem 2.Weltkrieg in Westdeutschland natürlich sehr groß waren. Andererseits, weil es auch musikalisch wunderbar passt und ich habe mir das tänzerische Grundprinzip des Square Dance angeschaut und glaube, zu verstehen, was Reinhard Mey damit sagen will. Wie sehr Ihr das?
Mehr zum Prinzip des Square Dance...
Beschreibung des Squaredance
Screenshot Beschreibung Squaredance.jpg
Diese Beschreibung des Ablaufs beim Squaredance habe ich gefunden auf squaredance.net
Zuletzt fällt mir noch ein, dass wir in diesem Lied wieder auf unseren "guten alten Freund" Fred Kasulzke treffen, der sich ja bereits als erfolgreichen Geschäftsmann international einen Ruf erarbeitet hat und zudem praktischerweise ja auch im politischen Geschäft aktiv ist. Der Song Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden entstand ja im Jahr 1974, also acht Jahre nach der Produktion der Ballade vom sozialen Aufstieg des Fleischermeisters Fred Kasulzke und mittlerweile hat sich der Fleischer von früher weiterentwickelt und scheinbar so viel Geld verdient mit seiner Idee, Protestierende zu vermieten, dass er dick im Immobiliengeschäft gelandet ist. Herrlich, wie Reinhard Mey in seinem eigenen kleinen Universum die selbsterdachten Spinner immer wieder unterbringt und "glaubwürdig" weiterentwickelt :hahaha:

Meine Meinung zum Lied des Tages
Meine Wertung: rating von 5 Sternen, weil ich den Text clever und pointiert finde, mir gefällt der Witz und die Geschwindigkeit, die Melodie ist eingängig und summe ich gerne vor mich her. Einzig die arg Tatsache, dass dieses Lied halt auch dazu einlädt, einfach ALLE politisch aktiven Personen über einen Kamm zu scheren, stößt mir etwas bitter auf. So undifferenziert möchte ich nicht denken und dazu "verführt" dieses Lied sehr schnell. Also: tolle Parodie, mag ich gerne, aber nehme ich nicht allzu ernst!

Das Lied Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden wurde auf dem Album Wie vor Jahr und Tag im Jahr 1974 veröffentlicht.

Wie vor Jahr und Tag ist als sechstes deutschsprachige Studioalbum bei Intercord erschienen, erreichte den 16.Platz im Verkaufsranking und hielt sich insgesamt 39 Wochen in den deutschen Charts. Mey war mit diesem Album auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn angekommen. Im Jahr 1975 erreichte er mit dem Album Gold und hat somit zum vierten mal hintereinander Gold für ein Studio-Album erhalten haben. Das Album enthält das wohl bekannteste Lied von Reinhard Mey, Über den Wolken. Ebenfalls 1975 veröffentlichte Intercord einige Lieder dieses Albums auf niederländisch für den niederländischen Markt auf dem Album Als de dag van toen.

Reinhard Mey schrieb die Texte aller Lieder auf dem Album selbst, mit Ausnahme von Susann, das ursprünglich von dem schweizerischen Liedermacher Toni Vescoli, mit dem Mey auch TV-Sendungen produzierte, stammt und das er eigens für seine Version Hochdeutsche übersetzte. Kai Rautenberg und Wilfried Grünberg haben die Arrangement für die Lieder gemacht, die musikalische Begleitung erfolgte durch das Kaiser-Doppelquartett und die Kai-Rautenberg-Combo, an der Gitarre waren damals nur Reinhard Mey und Wilfried Grünberg, produziert wurde das Album von Walther Richter.

Diese und weiter Informationen zum Album habe ich auf discogs.com und auf Wikipedia gefunden.
Titelliste und Cover des Albums "Wie vor Jahr und Tag"
Cover - Wie vor Jahr und Tag - 1974.jpg
  1. Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden – 3:05
  2. Susann – 3:00
  3. Ich bin Klempner von Beruf – 3:25
  4. Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern – 3:25
  5. Der alte Bär ist tot und sein Käfig leer – 5:30
  6. Mein Testament – 4:37
  7. Wie vor Jahr und Tag – 4:36
  8. Über den Wolken – 3:45
  9. Es gibt keine Maikäfer mehr – 4:12
  10. Wie ein Baum, den man fällt – 3:43
  11. Aber deine Ruhe findest du trotz alledem nicht mehr – 3:47
  12. Die Zeit des Gauklers ist vorbei – 4:15
Das Lied Aber deine Ruhe findest du trotz alledem nicht mehr sang Mey 1973 für die ARD-Fernsehlotterie.

Was war 1975 eine goldene Schallplatte "wert"?

Laut Wikipedia wurden in Deutschland bis zum Jahr 1975 Goldene Schallplatten aufgrund uneinheitlichen und nicht offiziell überprüften Kriterien von den jeweiligen Tonträgerhersteller direkt an ihre eigenen Interpreten verliehen.

Es ist also heute gar nicht einfach möglich, zu sagen, wie viele Platten verkauft werden mussten, um eine interne goldene Schallplatte zu erhalten. Ganz allgemein kann aber davon ausgegangen werden, dass von dem entsprechenden Album damals mindestens 250.000 Stück verkauft wurden.
*In diesem Beitrag schreibe ich durchgehend Politiker, wenn ich eigentlich Politikerinnen und Politiker bzw. Politiker*innen meine und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich mich hier an den Titel des Lieds anpasse. Natürlich gab es schon 1974 weibliche Politiker und Reinhard Mey hat sich dennoch für diesen Titel entschieden, weil er damit einen bestimmten Politikertypus kritisiert und NICHT Männer, die politisch aktiv sind. That's it, sonst noch Fragen?
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Viktor
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#2

Beitrag von Viktor »

Hallo Forum,

auch dieses Lied haben wir ja schon einmal besprochen, als Reinhard es auf seiner Webseite verlinkte, wenn ich mich recht erinnere.

Ich möchte heute einfach nur etwas ergänzen. Hier ein Ausschnitt aus einem Konzertbericht aus der Schweiz vom Herbst 1973 (das Lied war damals noch nicht veröffentlicht), worin der Verfasser auch seine eigene Wahrnehmung auf Reinhards Verhältnis zu Politik-Themen beschreibt:
Schaffhauser Nachrichten vom 13.11.1973 Zitat:
Man nimmt Reinhard Mey das Desengagement in bezug auf gewisse Richtungen und Gruppen [vorher ging es um "Bevor ich mit den Wölfen höre", Anm. Viktor] gerne übel; Tatsache ist jedoch, dass es auch diese «lose» Form der Zeitkritik geben muss, die höchstens sich selbst verpflichtet ist und die dazu bei Reinhard Mey stets mit so viel Menschenfreundlichkeit und Charme gemischt ist – Charme und Menschenfreundlichkeit für den «Aussenseiter» wohlverstanden –, dass sie neben ihrer Glaubwürdigkeit erst noch sympathischer wirkt als Kritik in Permanenz.

Zum Beispiel gehört eines der fünf brandneuen Lieder, die Reinhard Mey an diesem Abend vorstellte – nämlich der in Form eines Talking-Blues vorgetragene Song «Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden» – zum Schärfsten und Angriffigsten, was er je gesungen hat. Und das ist seine Stärke, dass er neben dem
[...] ohne Sentiment vorgetragenen Liebeslied [...] jederzeit ätzende, engagierte Protestsongs politischer oder gesellschaftlicher Prägung zu singen vermag.
Da ich Reinhards Lieder ja Jahrzehnte später in loser Reihenfolge nach-hören musste, frage ich mich gerade, ob da was dran ist, dass dieses Stück zum "Schärfsten und Angriffigsten" bis zu diesem Zeitpunkt gehörte. Hmmm.

Viele Grüße
Viktor


PS:
migoe Zitat: Di 17. Jan 2023, 00:20
es wird kein Versfuß verwendet
In Verslehre sind all meine Skills rein in der antiken Metrik verordnet, deshalb glänze ich hier nur mit gefährlichem Halbwissen...
Ist zumindest der Refrain nicht total trochäisch geprägt? (Ich denke an trochäischen Vierheber; bei den letzten 2 Zeilen mit Katalexe) Das unterstützt für meinen Geschmack -- du hast es ja schon rausgestellt -- auch diesen Tanz-Faktor.
(Die zwei Zeilen zu den Diäten da mal außen vor gelassen [absichtlicher Bruch?].)
Aber ich bin wie gesagt kein Germanist.
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#3

Beitrag von migoe »

Lieber Viktor,
Viktor Zitat: Di 17. Jan 2023, 13:07
In Verslehre sind all meine Skills rein in der antiken Metrik verordnet, deshalb glänze ich hier nur mit gefährlichem Halbwissen
...
Ist zumindest der Refrain nicht total trochäisch geprägt? (Ich denke an trochäischen Vierheber; bei den letzten 2 Zeilen mit Katalexe) Das unterstützt für meinen Geschmack -- du hast es ja schon rausgestellt -- auch diesen Tanz-Faktor.
...
Aber ich bin wie gesagt kein Germanist.
Ich kann mit weniger als Halbwissen aufwarten :-D und trau mich trotzdem dran, zumindest mit Hilfmitteln. Dazu habe ich das Tool Metricalizer befragt und mein Erkenntnis daraus war:
Analyse Versfuß Refrain - Was kann schöner sein auf Erden.jpg
Der Text hat keinen strukturierten Versfuß und "springt" auch nicht zwischen Trochäus und Jambus, wie es zunächst aussieht, wenn man es durch Mitklatschen versucht, herauszufinden. Ist meine Interpretation denn falsch? Ich bin nämlich auch kein Germanist, aber lerne gerne etwas dazu!
Viktor Zitat: Di 17. Jan 2023, 13:07
...auch dieses Lied haben wir ja schon einmal besprochen, als Reinhard es auf seiner Webseite verlinkte, wenn ich mich recht erinnere...
Ich vermute, Du meist die von Marianne angestoßene Diskussion unter Wer die Noten liebt der mache Musik doch wer die Banknoten liebt der mache Politik, bei der wir die Frage diskutierten, "Wer will denn schon Politiker werden?"... Danke, das ist tatsächlich noch ein wichtiger Aspekt, den ich bei meinen Überlegungen zum heutigen Beitrag zwar auch hatte, dann aber nicht noch weiter ausschweifen wollte ;-)
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Dieser Beitrag enthält 254 Wörter


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#4

Beitrag von Michael »

Hallo,

Keine Frage, das Lied ist textlich und musikalisch saugut gemacht. Gleichwohl kann man auch diesem Lied kleinbürgerliches Ressentiment vorwerfen. Aber, wie Viktor schon bei "In diesem uns'rem Lande" geschrieben hat - man sollte ein Lied aus der Zeit heraus betrachten. Und es ist ein Unterschied, ob ich die Politiker-Kaste kritisch-satirisch betrachte, wie es das Lied tut, oder ob ich - wie es heute der Fall ist - eine "Alternative" habe, die sie am liebsten abschaffen möchte. Zu jener Zeit war sowas noch nicht denkbar.

Und wenn man bedenkt, dass kurz vorher (also 1972) die Regierungsmehrheit flöten gegangen ist, weil einige die Fraktion gewechselt haben - was in dem Lied ja erwähnt wird - und es in den USA die Watergate-Affäre gab (das dürfte der "amerikanische Einfluss" sein), passt es schon sehr gut in die Zeit.


Michael
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migoe (Di 17. Jan 2023, 14:47)
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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#5

Beitrag von Helmut »

Hallo
Als das Lied erschien, fand ich es klasse. Heute bin ich, was ich mir damals nie vorgestellt habe, Mitglied eine (Noch-)Volkspartei und kenne Mandatsträger vom Gemeinderat bis zum Europaabgeordneten persönlich. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass keiner von ihnen dem entspricht, was RM in dem Lied anprangert. Ich kenne auch qualifizierte Leute, die sich von der Partei nicht zu einer Kandidatur für ein Mandat überreden ließen, weil sie für die Entlohnung keine 70-Stundenwoche haben wollen. Deshalb finde das Lied sehr pauschal. Andererseits, wenn ich mir die letzten 4 Verkehrsminister anschaue und wie in Bayern Masken beschafft wurden, dann ist das Lied auch heute nicht so weit von der Realität entfernt.
Helmut
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migoe (Sa 21. Jan 2023, 12:55)
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