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von Skywise
#3
Na ja, "heiße Tips" ... wahrscheinlich keine, die in den vergangenen Jahrezehnten nicht schon mal gemacht wurden.
Ich fand es bemerkenswert, daß Cash, der ja eigentlich zeitlebens eher kurze, "singletaugliche" Lieder veröffentlicht hat, gleichzeitig ein gutes Gespür für die Möglichkeiten der Langspielplatte hatte, die zu Beginn seiner Karriere eigentlich am Markt kaum stattfand. Die LP war damals das Medium der Klassik- und der Jazz-Hörer, weil man hier Stücke mit längeren Spielzeiten unterbringen konnte. Leute wie Woody Guthrie (Album "Dust Bowl Ballads") oder Frank Sinatra (Album "In The Wee Small Hours") hatten schon zuvor gezeigt, daß man auch moderne "Liederzyklen" auf Rille rausbringen konnte, Cash versuchte nun, eine solche Idee auf Country zu übertragen. "Ride This Train" (1960) ist im Prinzip eine Reise mit dem Feuerroß über eine bestimmte Strecke, quer durch die USA; Lokomotivengeräusche und die Erzählstimme von Johnny Cash leiten von Lied zu Lied, wobei nicht alle mit der Eisenbahn direkt zu tun haben, manche erzählen auch schlicht eine Geschichte, die sich in dem Ort zugetragen hat oder haben soll, die der Zug durchfährt. Musikalisch wenig spannend, aber für englischkundige Freunde von Geschichtenerzählern schon hörenswert.
"Bitter Tears" (1964) ist ein spannendes Album, aus mehreren Gründen. Cash war eine Zeitlang überzeugt, daß sich unter seinen Vorfahren Cherokee befanden (ist nicht, wie er später erfuhr; in seinem Stammbaum machen deutlich mehr Schotten, Iren und Engländer rum, aber das hielt Cash nicht davon ab, sich weiter für die Rechte und die Aufarbeitung der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner einzusetzen). "Bitter Tears" ist ein Konzeptalbum, das das ... nennen wir's "Verhältnis" zwischen der indigenen Bevölkerung und ihren weißen Brüdern beleuchtet. Wenn er in praktisch jedem Lied unterschiedliche Dimensionen des Knatschs schildert, läßt Cash nicht den Hauch eines Zweifels daran, was seine eigene Positionierung angeht. Mit diesem Album betrat Cash persönliches Neuland, weil er sein Bild in der Öffentlichkeit um einen weiteren Aspekt erweiterte. Hatte er sich zuvor als inhaltlich eher konservativ bis klischeehaft ausgerichteter Geschichtenerzähler im Country gezeigt und - natürlich - als gläubiger Christ, so kam nun ein deutlich erkennbares politisches Engagement hinzu, noch dazu auf einer Seite, die vielleicht verwundert, wenn man ihn zuvor über das Feuerroß singen hörte oder über (weiße) Western-Figuren. Mit dem Album eckte er auf jeden Fall an, wahrscheinlich verprellte er auch ein gerüttet Maß an Zuhörern, und das sogar äußerst bewußt. Es sollte nicht das letzte Mal sein.
Cash hat einige sonderbare Alben in seinem Repertoire. Manchmal sind es persönliche Versuche, neue Bereiche auszuloten, manchmal saßen Produzenten im Chefsessel, die tolle Ideen hatten, die aber nicht funktionierten (nicht jeder kann ein Rick Rubin sein), und mitunter waren es ganz gute Ideen, die halt nur suboptimal umgesetzt wurden ... die Bandbreite ist groß. Reicht von dem Erzählerpart in dem (klassisch angehauchten) Orchesteralbum "The Lure Of The Great Canyon" (1961) bis hin zum klebrig-80er-synthi-lastigen Country von "Rainbow" (1985). Eigentlich mittelprächtig vom Inhalt her, aber trotzdem meiner Meinung nach arg unterbewertet ist das Album "Everybody Loves A Nut" (1966). 1971 wurde Cash zum selbsternannten "Man In Black"; im gleichnamigen Lied singt er "and why does my appearance always (bzw. 'seem to') have a somber tone", also "und warum meine Erscheinung immer düster wirkt". "Nut" dagegen ist der Beweis, daß er auch leichten bis skurrilen Humor kann ("A Boy Named Sue" war damals noch nicht erfunden, das Stück kam ein paar Wochen später). Das Album ist unendlich albern und handelt von übergeschnapptem Zeugs, und natürlich wurde es kein großer Erfolg, da Cash's "somber tone" die Oberhand behielt. Aber vielleicht gerade deshalb. Und alle singen mit. "Ich werde verschluckt von einer Boa Constrictor, von einer Boa Constrictor, von einer Boa Constrictor, ich werde verschluckt von einer Boa Constrictor, und Schlangen mag ich kein bißchen." Ähm, auf CD gab's das Album bislang nur bei einer Gelegenheit, der Gesamtausgabe der Columbia Alben.
Es gibt bislang vier Live-Alben, die Johnny Cash vor Gefängnisinsassen einspielte. Die ersten beiden, "At Folsom Prison" (1968) und "At San Quentin" (1969), gehören meiner Meinung nach eigentlich zusammen, sind beide auf einem ähnlich hohen Niveau ("Folsom Prison" ein Tick besser), verfügen über eine bemerkenswerte Atmosphäre und einen glänzend aufgelegten Johnny Cash. Muß man wenigstens mal gehört haben. Beide.
Nach Wiederaufnahme seiner Karriere bei Rick Rubins "American"-Label erschienen sechs reguläre Alben (plus die Sammlung "Unearthed"). Das wahrscheinlich herausragende Werk ist das letzte Album, das zu Cashs Lebzeiten veröffentlicht wurde, "American IV: The Man Comes Around" (2002). Kein wirklich ausgewogenes Album, aber das Album mit den deutlichsten Höhepunkten. Und gleichzeitig das Album eines Menschen, der sich während der Aufnahmen sehr bewußt war, daß seine Tage gezählt sind.
Und natürlich gibt's zwischen '69 und '02 noch einige Alben, die man sich sehr gut anhören kann. Wenn Cash mit "Johnny 99" (1983) Springsteen entdeckt, hat das was. "Rockabilly Blues" (1980) bringt zumindest die richtige Einstellung mit. Zumindest das erste Album der "Highwayman"-Supergroup (1984), gemeinsam mit WIllie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson, kann man verkraften, auch wenn die Produktion arg gebügelt des Weges kommt. Sowie ohnehin alle frühen Aufnahme auf dem "Sun"-Label und generell alle der "American"-Reihe, aber das führt dann wohl doch zu weit.
Gruß
Skywise
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- Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Skywise für den Beitrag (Insgesamt 2):
- Heinz (Mi 13. Sep 2023, 17:59) • Viktor (Fr 15. Sep 2023, 23:03)
"Ist wirklich wahr - ich hab's in meinen Träumen selbst geseh'n ..."
Herman van Veen - "Die Clowns"