Hans Söllner & Bayaman´Sissdem - Live im 'Posthof' in Linz am 23.10.2008

Der aus dem bayerischen Bad Reichenhall stammende Liedermacher hat sich durch seine anarchische aber konsequent querköpfige Art im gesamten deutschsprachigen Raum viele Freunde gemacht - und das obwohl er seine Lieder ausschließlich in seiner Heimatsprache - nämlich bayerisch! - singt und kein Blatt vor den Mund nimmt. In diesem Forum besteht die Möglichkeit zum Austausch...
Quelle: Foto für Forum und Banner wurden der Wikipedia entnommen: Stefan Brending (2eight) - Concertbüro Franken,Hans Söllner & Bayaman Sissdem,Konzert,Livekonzert,Livemusik,Musik,Serenadenhof
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Nordlicht hat dieses Thema gestartet
...hat schon mal ein LT organisiert
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Hans Söllner & Bayaman´Sissdem - Live im 'Posthof' in Linz am 23.10.2008

#1

Beitrag von Nordlicht »

Hallo, Ihr Lieben !
Tina Turner ist – wieder mal – auf Abschieds- Tournee, die Rolling Stones sind es eigentlich auch schon seit Jahrzehnten, und für Bob Dylan gilt wohl das gleiche. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß auch Hans Söllner, der ja schon mehrfach über die Medien angekündigt hat, nichts mehr machen und auch nicht unbedingt mehr auftreten zu wollen, bei aller Abwesenheit dennoch präsent ist. Und im Zuge dieser Präsenz gab es am vergangenen Donnerstag im Linzer „Posthof“ gemäß des hauseigenen Mottos „Zeitkultur am Hafen“ einen Auftritt Söllners mit seiner Band Bayaman´Sissdem.
Der Hinweis am Eingang „Einlaß 19:30 Uhr, Beginn 20:00 h, Dauer ca. 2 Std., keine Pause !“ läßt eigentlich keine Frage mehr offen, und so enterten wir (na klar, Ulrike war dabei…) einigermaßen wohlgemut unsere Plätze in der 15 Reihe. Das klingt nicht wirklich weit weg von der Bühne, ist aber im „Posthof“ doch schon ein ziemlicher Abstand zu Bühne. Durch die aufsteigenden Reihen ist allerdings die Sicht recht gut, und der Abstand begünstigt den Überblick über das Geschehen. Allerdings geschieht noch nicht viel, es ist 19:45 h und der, letztlich ausverkaufte, „Große Saal“ beginnt sich zu füllen. Kaum 10 m rechts vor mir die Sound- und Light- Mixer, beide ebenfalls noch zur Untätigkeit verbannt. Interessant in diesen Minuten ist wieder einmal die auffallende Vielschichtigkeit des anwesenden Publikums: Von etwa 12 bis ungefähr Mitte 60 ist jede Generation durchgehend gemischt vertreten, und alles, was uns eigentlich fehlt, ist ein Nadelstreifen- Träger – obwohl sich der für den heutigen Abend ja vielleicht mit einer Jeans getarnt hat und so nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Aber egal: Es geht ja nicht um die Zuschauer, sondern um den Mann, den diese erwarten. Söllner ist immerhin bis heute der bekannteste und gleichzeitig unbekannteste Musiker Bayerns, zumal er ja von den Medien aufgrund seiner Inkompatibiltät durchweg ignoriert wird. Trotzdem sind neue Alben des Herrn aus Bad Reichenhall in den Läden sofort vergriffen und seine Konzerte – wie das heutige – schnell ausverkauft. Inzwischen ist es 20:12 h, und da tut sich was: Vier Herren betreten die Bühne, und einer von ihnen, ein dynamischer Mensch in Jeans, grauem Trachtenjanker und einem Kurzhaarschnitt stellt sich dorthin, wo man doch eigentlich den Söllner… Doch, tatsächlich, er ist es: Kurz vor seinem 53. Geburtstag am 24.12. erscheint er frisch wie eh und je und anscheinend – er verliert den ganzen Abend keinen Ton darüber – war es wieder an der Zeit, eine andere Haartracht anzulegen. Auffallend nur, daß auch der Bayaman`Sissdem- Bassist Dennis Rieger eine Art von Irokesen statt der Rasta- Frisur zur Schau stellt. Aber das ist ja letztlich auch egal, denn nun geht es los mit toller Musik… nein, doch noch nicht ganz. Söllner beginnt den Abend nicht nur mit einer Begrüßung, sondern mit einem Statement, das er mit den Worten beginnt: „I bin überrascht…“. Und dann fällt auch gleich das Stichwort, das den Abend dominieren wird: 480 Milliarden Euro ! Bekanntermaßen ist das ja der Betrag, den Angie und ihre Spezialisten- Riege zur Rettung von angeschlagenen Banken zur Verfügung gestellt hat. Und dieses Thema läßt sich natürlich ausschlachten, besonders dann, wenn man den Staat eh nur als „die da oben“ erlebt. Gleich im ersten Monolog von fast 20 Minuten erfährt man nun, daß Söllner sich selbst als kindisch empfindet, immer noch ein Problem mit der Obrigkeit, speziell mit der Polizei, hat, Vater von diversen Kindern ist und so seine Erfahrungen mit Lehrern gemacht hat. Dann, nach wie gesagt gut 20 Minuten, die Idee, vielleicht doch einmal mit der Musik anzufangen. Die Band, die bislang quasi nur Statist war, scheint einverstanden, und nach weiteren rund 10 Minuten geht es dann wirklich los. Und wie ! Bayaman´Sissdem ist auch heute wieder präsent wie gewohnt, wenngleich es nur eine „kleine“ Besetzung ist, denn es fehlen sowohl Keyboarder als auch Akkordeon- Spieler. Das machen die restlichen Bandmitglieder aber locker wett. (Besetzung: Hans Söllner, Bad Reichenhall / voc, g, harm – Manfred Puchner, Linz / g --- Dennis Rieger, Augsburg / b --- Stefan Hofer, Linz / dr). Der erste Titel „Hey, Staat !“ erscheint mir an dieser Stelle ein wenig ungeschickt, da das Publikum noch etwas „steif“ wirkt und so der ansonsten gewohnte Chor noch ein wenig dünn ausfällt, bringt aber letztlich doch einen bemerkenswerten Beifall. Man kennt eben seinen Hansi und dessen Lieder, man freut sich über solche „Evergreens“. Und so geht es dann auch weiter: Launige Geschichten aus dem Leben und dem Selbstverständnis des Hans Söllner, gemischt mit reggae- artiger Musik, dabei einiges von der letzten CD „Vietnam“, aber auch sehr alte Sachen. Alles wird zunehmend begeisterter aufgenommen, und wenn man bedenkt, daß gerade das Linzer Publikum bei vielen Künstlern als extrem schwierig eingestuft wird, scheint der Abend in Richtung Erfolg zu gehen. Nicht unschuldig daran sind die Texte, die die hervorragende Musik immer wieder unterbrechen und zeitweise zur Nebensache zu machen scheinen. Zumal einiges dabei ist, das einen betroffen machen kann. Man erfährt, daß ein Interviewer ihn kürzlich fragte, ob er sich über den Unfalltod von Jörg Haider gefreut habe. Man erfährt, daß er sich niemals freut, wenn ein Mensch stirbt. Man erfährt, daß Hansi nicht nur sauer darüber ist, daß seine Mutter, die unter Alzheimer leidet, ihn immer noch Hansi nennt, sondern auch darüber, daß ein einziger Pfleger im Heim für 20 alte Menschen zuständig ist, während gleichzeitig 480 Milliarden Euro… nun ja, so ganz von der Hand zu weisen ist die Logik, die dahinter steckt, wirklich nicht. Und da diese Logik von denen „da oben“ kommt, gibt es Pläne, wie man reagieren könnte: Vielleicht einmal stundenweise einem Polizei- Auto hinterher fahren. Oder auf der Wache erscheinen und Kaffee und Leberkäs- Semmeln auspacken, um zu brotzeiten. Söllner empfiehlt, „sie“ mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, und er stößt mit diesem Plan auf die ungeteilte Sympathie der Zuhörer. Und wieder gibt er zu, daß er kindische sei, aber er habe halt einen anderen Plan als die. Wer Söllner nicht kennt, kann dies alles für die Sponti- Sprüche eines Alt- 68ers halten. Aber hier und heute sind Leute versammelt, die Söllner kennen und die diese Empfehlungen in den Zusammenhang einer Karriere als Freistaatfeind bringen können. Es ist kurz vor 10, als sich Söllner und seine Kollegen zum ersten Mal von der Bühne verabschieden, aber sie lassen sich nicht lange durch die „Zugabe !“- Rufe bitten. Kaum sind sie wieder da, ertönt aus dem Publikum die Forderung ertönt: „Edeltraut !!!“ und er mit den Worten „Ja, die kenn I aaah…“ reagiert. Die Zugabe beginnt mit dem „Marihuanabaam“, und endlich scheint das Publikum in seinem Element. Und kaum hat der Vadda ausgeraucht, betritt SIE die Bühne: die eben noch lauthals geforderte „Edeltraut“, die immer noch, nach so vielen Jahren, ihr sauguads Kraut anbaut. Und ganz zum Schluß, nach den besten Wünschen an das Auditorium, heißt es noch „Aber I mach ma Sorg´n um Di…“, bevor Söllner endgültig die Bühne verläßt. Die Zeit des Wartens vom Anfang der Show nutzen die Musiker nun, um noch 3 oder 4 Minuten weiter zu spielen, eher auch sie den Abend beenden.
Fazit: Es war ein toller Abend, auch wenn man eigentlich nur zusammen war, um sich seine Urteile und Vorurteile bestätigen zu lassen. Trotzdem: Söllner scheint wieder besser drauf zu sein als noch vor 2 Jahren, als er zumindest mich mit einem 20- minütigen Solo über den Bürgermeister von Bad Reichenhall nervte, der ihn in der Fußgängerzone nicht gegrüßt hatte. Diesmal war er wieder böse, aber auch nachdenklich, witzig und ironisch, dabei aber ein Mensch, der andere Menschen mag und nur der Obrigkeit seinen Gehorsam verweigert. Und das ist ja das Schelchteste nicht, zumal, wenn es mit einem bewußt- kritischen Wesen einhergeht.
Einen einzigen Minus- Punkt habe ich an diesem Abend notiert: Die Band- Version seines alten (nach seinen Worten Lieblings-) Liedes „Manchmoi, wenn I aufwach“ bringt die Melancholie der Solo- Version leider nicht einmal ansatzweise rüber und wäre, zumindest für mein Empfinden, entbehrlich gewesen.
Da sich die Auftritte von Söllner ja von Mal zu Mal unterscheiden, hier noch die Set- List des Abends:
01 – Hey, Staat !
02 – Damaskus
03 – Viet Nam
04 – Das kleine Lied vom Frieden (reggae- vers.)
05 – Manchmoi, wenn I aufwach (reggae- vers.)
06 – Du warst heit nacht ned bei mir
07 – Loben & Preisen
08 – Feind
09 – Nordwind
10 – Vorbei damit
11 – Sturm
Zugabenteil:
12 – Marihuanabaam
13 – Edeltraut
14 – I mach mir Sorg´n um Di
Nach den 14 Titeln (…bei der Nummer 6 bin ich mir titelmäßig nicht sicher, es war das einzige Lied, das ich nicht kannte…) und einer wirklich großen Menge Text ist der Abend um 22:20 h dann wirklich zu Ende. Und mancher mag überlegen, wo jetzt der nächste Streifen- Wagen ist, dem man folgen kann…
Eines steht fest: Wenn der Söllner Hansi diese „Abschieds- Tour“ fortsetzt, bin ich auch beim nächsten Mal wieder dabei. Es lohnt sich.
Als nächstes Date steht mir nun am nächsten Dienstag wieder der „Posthof“ bevor, wo ich (…nach einer Empfehlung von Piet…) mir anschauen werde, was “Wortfront“ so zum Besten geben. Vielleicht gibt es danach wieder die eine oder andere Zeile. Bis dahin liebe Grüße aus Ober- :ösi: von
ANDREAS.

(…der Gefallen daran findet, solche einen Abend am PC zu rekapitulieren, auch wenn er, ohne Aufzeichnungen, dabei mehr und mehr Schwierigkeiten hat…)

PS: Anbei noch ein kleines Bild, wobei ich zugeben muß, daß die Menschen da auf der Bühne auch "The Beatles" oder "Deep Purple" sein könnten. Es sind aber wirklich Hansi & die Band. Das Foto beweist, daß man a) mit Handys telefonieren sollte, b) mit Kameras fotografieren sollte und c) wenn man schon mit Handys fotografiert, ein Modell mit mehr als 1,3 Mega- Pixeln verwenden sollte... Nun ja, zumindest einen kleinen Eindruck gibt´s wieder. Alsdann: Adieu !!!
PPS: Es könnten wohl doch weder "The Beatles" noch "Deep Purple" gewesen sein, denn ich glaube kaum, daß eine dieser Bands jemals unter einem äthiopischen Widder aufgetreten ist... Nun aber wirklich TSCHÜSS...
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"But as long as I can see the morning,
in miracles, much more than I can say,
it´s enough to keep me still believing
in drifting hearts, so far away."

(''Book of golden stories''/ RUNRIG)

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