Dr. Stefan Schneider: Ralph Schüller – Kein Entkommen - Review - 2010

Ralph Schüller ist HGB-studierter Maler und Grafiker. Er macht sehr lange schon die Bühnen des Landes mit allerlei Musik unsicher, spielte Metal, Hardcore sogar, und mit gleicher Begeisterung auch beschwingten Folk. Seit einigen Jahren sind es nur noch eigene Lieder, die er in seinen Bands singt.
ranef hat dieses Thema gestartet
Beiträge: 47
Registriert: Mi 3. Mär 2004, 09:43
Jul 2010 28 10:53

Dr. Stefan Schneider: Ralph Schüller – Kein Entkommen - Review - 2010

Beitrag von ranef

#1

Was für ein Zeitensprung. Man mag die Stubenfliegenproduktionen „ABC“ (2003) und „Grund genug“ (2004), dann die wunderbaren „Grüße aus Bad News“ (2005) staunend betrachten, fünf Jahre später gibt es „Kein Entkommen“. Es ist eben nicht einfach mehr, sondern besser, komplizierter. Auch – und das passt so gar nicht in unsere Welt – weniger aussichtslos. Optimistisch also? Na, ich wäre vorsichtig.
Der Leipziger Musiker und Geschichtenerzähler Ralph Schüler präsentiert mit seiner neuen CD dreizehn Lichter, gebrochen durch das Prisma einer wahrlich verspielten Band. Schon die musikalischen Zitate zeigen, wie vielfältig die neue Produktion geraten ist. Zwischen einem Slow Fox („Ganz dicker Fisch“) und einer Rumba mit irre genialen Quick Step- Anleihen („Unterwegs“), zwischen Walzeranspielungen („Sag mir nicht“) und Jivetakten („Alles durcheinander“) wird dem Zuhörer eine ganze Palette an Rhythmen eröffnet. Keiner wiederholt sich. Dazu kommt eine Begleitung jenseits der üblichen Konventionen.
Dass Ralph Schüller sich künstlerisch kaum festlegen mag – „Wo du ratlos in allen Schubfächern suchst“ - wer zweifelt nach dieser CD noch daran. Dass er überdies aus der Welt der Farben stammt, ergibt sich beinahe von selbst. Deshalb auch laden die Texte zum Entdecken ein. Dass Ralph Schüller immer neue und überraschend widersprüchliche Bilder sucht – und der Zuhörer dies mit Erstaunen hört, macht seine Musik – und die neue CD – zu etwas Besonderem. Die Verse scheinen versteckt politisch – verweisen aber zumeist auf das Alltägliche und sind so absurd einfach, dass man in ihnen Poesie erfährt. Man kennt die Metaphern. Aber man hat sie noch nie gehört oder gelesen. Also sieht man die Welt mit dieser Musik anders? Die Frage stellen, heißt sie beantworten.
Vielleicht auch, weil jedes Lied wie ein intimer Dialog arrangiert wurde. Das WIR ist bei Ralph Schüller immer ein DU und ein ICH. Die dritte Figur ist nur der schmetterlingshafte Beobachter (oder Zuhörer). Selten hat es beispielsweise eine so schöne Liebeserklärung gegeben, wie am Schluss dieser CD. - Gefangen!
(Stefan Schneider
Marbella, im Juli 2011)
Dieser Beitrag enthält 339 Wörter



Zurück zu „Schüller, Ralph“