(zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

Ein Artikel vom 15. März untersucht Parallelen zwischen Reinhards Songinhalten insbesondere der 1970er und 1980er und problematischen politisch rechten Strömungen des neuen Jahrtausends.

Reinhard Friedrich Michael Mey (* 21. Dezember 1942 in Berlin) ist ein deutscher Musiker und seit Ende der 1960er Jahre einer der populärsten Vertreter der deutschen Liedermacher-Szene. Pseudonyme sind Frédérik Mey (in Frankreich), Alfons Yondraschek und Rainer May.
Quelle: Wikipedia mit Stand vom 20.06.2019 | Foto für Banner und Forum: Sven-Sebastian Sajak Deutsche Wikipedia
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Reinhard Mey (* 21. Dezember 1942 in Berlin) ist ein deutscher Musiker und ein Hauptvertreter der deutschen Liedermacher-Szene. Pseudonyme sind Frédérik Mey (in Frankreich), Alfons Yondraschek und Rainer May. Mey lebt seit 1977 in Berlin-Frohnau in zweiter Ehe mit seiner Frau Hella mit der er drei Kinder hat.
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Viktor hat dieses Thema gestartet
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(zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#1

Beitrag von Viktor »

Ihr Lieben,

habt ihr auch diesen Artikel gesehen?
Michael Ebmeyer veröffentlichte am 15. März bei Zeit Online unter der Schriftstellerplattform 'Freitext':
Reinhard Mey: Der bashende Barde

Darum geht's :
Ebmeyer hat geschrieben:Parteienkartell, Lügenpresse, Feminazis: Ressentiments sind heute Sache der neuen Rechten. Doch erschreckend viele finden sich schon bei einem eher linken Liedermacher.
Was haltet ihr von dem Artikel?
Also, er ist gründlich recherchiert. Der Schreiber bezieht sich auf mehr als eine Handvoll von Reinhards Liedern in wörtlichen Zitaten oder akkuraten Zusammenfassungen.
Meiner Meinung nach hat der gesamte Ansatz nun zwei grundlegende Fehler.
Nämlich erstens: die Vergangenheit mit Maßstäben der Gegenwart zu messen. Ich finde, man kann etwa 'Was in der Zeitung steht' nicht in die 'Lügenpresse'-Ecke stecken, wenn es zur Zeit der Entstehung noch kein Probleme mit Lügenpresse-Rufern in der Republik gab. Und 'Annabelle' in den 1970ern zu schreiben ist sicherlich ein anderes Gegen-den-Strom-Schwimmen gewesen als Feminismus-Kritik 2020. Also wenn der Autor meint: "Vertraute Töne, oder?", als würden Reinhards Songs an AfD-Gedankengut erinnern, dann ist das irgendwie unlogisch anachronistisch, es sei denn er will sagen, Reinhard hat die Gesellschaft in diese Richtung gelenkt (was er nicht tut - aber was soll dann der ganze Artikel überhaupt?)
Und der zweite Fehler - Er versteht keinen Spaß. Der Verfasser zieht immer mal wieder offensichtlich humorvolle Stücke heran, aber seine Einstellung lautet: "Da lacht – ja, wer lacht da eigentlich?" und spricht damit den Liedern ihren Witz ab, was entweder von Mangel an Sinn für Humor zeugt oder jemand stellt sich dumm, um ein Totschlagargument zu erzwingen.

Es war nicht meine Absicht, Reinhard 100% zu verteidigen, denn das generelle Politiker-Bashing kann ja wirklich mal sauer aufstoßen, wie wir schon einmal hier auf dem Forum diskutierten.

Ich wollte nur meine erste Reaktion loswerden, in der Hoffnung, vielleicht ein Gespräch mit euch anzustoßen. Denn durch die über 400 Kommentare unter dem Artikel werde ich mich sicher nicht klicken, haha.

Schönen Wochenstart und viele Grüße
Viktor
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Barde
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#2

Beitrag von Barde »

Ja, den Artikel hatte ich auch schon gelesen. Und mir kamen weitgehend die gleichen Gedanken in den Sinn, wie du sie hast. Zum Einen ist es natürlich etwas hanebüchen, Texte inhaltlich zu kritisieren, die teilweise jahrzehntealt sind und deren Beurteilung jetzt aus dem Kontext der damaligen Zeit gerissen werden. Und zum Anderen gibt es aber zeitlose Dinge, die heute noch aktuell sind. Die Feministinnen hier im Forum dürfen mich dafür prügeln, aber die satirisch-humorvolle Auseinandersetzung mit dem Radikalfeminismus, die RM mit "Annabelle" vollzogen hat, finde ich immer noch gut. :flüchten: Für mich auch wieder eine Bestätigung des Vorurteils, dass die Linke weniger Humor verträgt, als die anderen politischen Ausrichtungen.

An anderer Stelle hatte ich es auch schon erwähnt: Von RM würde ich mir eine viel klarere und deutliche Abgrenzung zu den Leuten wünschen, die seine alten Lieder jetzt als Beweis dafür heranziehen, dass alle Politiker und Journalisten korrupt, scheiße, unfähig sind. In AfD- und Pegidakreisen haben einige seiner Klassiker schon wieder Kultstatus. Es steckt also durchaus auch ein Körnchen Wahrheit in dieser Kritik, weil viele der alten Werke doch arg im Schwarz-Weiß-Denken verortet sind und RM sich nicht die Mühe macht, sich zu "aktualisieren".

Im Übrigen ist dies ja nicht alleine RMs Problem. Sehr negativ ist mir z.B. auch schon immer Söllner aufgefallen, dessen "Geschäftsmodell" darin besteht, praktische alle Politiker - in seinem pubertären Habitus - grundsätzlich als Nazis und korrupt zu bezeichnen. Umso erstaunter war ich, als hier zu lesen war, dass er sich für ein politisches Amt bewerben will oder wollte. Lernt der womöglich auf seine alten Tage noch, dass man differenzierte Sichtweisen annehmen kann ...?

Ich denke, dass Künstler zu bestimmten Zeiten recht schonungslos Kritik üben sollten und aber auch zu anderen Zeiten Überlegungen anstellen müssen, ob sie noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen wollen.

Was mein persönliches Fazit zum Artikel angeht: Eine Kritik, die bedenkenswert ist, aber im Grunde genommen auch in einer Art "Schwarz-Weiß-Denken" geschrieben wurde. Der Autor differenziert selbst nicht genug. Der Kardinalfehler ist dabei, dass uralte Texte aus dem Kontext gerissen werden.

Liebe Grüße

Barde
Zuletzt geändert von Barde am Mo 16. Mär 2020, 16:34, insgesamt 1-mal geändert. Dieser Beitrag enthält 372 Wörter


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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#3

Beitrag von migoe »

Hallo Viktor,

dieser Artikel ist mir durchgerutscht, also vielen Dank für Deinen Tipp :super:
Viktor hat geschrieben:
Mo 16. Mär 2020, 10:20
Was haltet ihr von dem Artikel?
Also, er ist gründlich recherchiert.
Ich halte den Artikel nicht für gründlich recherchiert, aber zumindest erkenne ich, dass der Autor Michael Ebmeyer es grundsätzlich "gut" mit Reinhard Mey meint. Er verortet ihn politisch einfach mal so in einer bestimmten Richtung, der er scheinbar für die passende hält:
Um es gleich klar zu sagen: Reinhard Mey ist kein Rechter. Zwar ist er auch kein linker Agitator, kein Degenhardt, kein Süverkrüp, aber immerhin ein Kumpel von Hannes Wader und Konstantin Wecker und irgendwie doch links – oder wie er selbst sagt: "Wenn links das Gegenteil von rechts ist, ja. Wenn es links ist, Solidarität mit den Schwächeren nicht nur zu zeigen, sondern auch zu leben, dann ja." ... Und ich denke, wir dürfen uns Reinhard Mey insgesamt als einen sozialdemokratisch gesinnten Menschen vorstellen.
Er leitet seinen Artikel aber damit ein:
Viel ist von der "Mitte der Gesellschaft" die Rede. Die AfD sieht sich dort verwurzelt, Friedrich Merz sowieso, aber auch eine "wehrhafte Demokratie" soll sich von dort aus erheben, nachdem die rassistischen Morde von Hanau sie mal wieder aus ihrem Schlummer gerissen haben. Wer in Deutschland die "Mitte der Gesellschaft" für sich beansprucht, der will herrschen. Die "Mitte der Gesellschaft" ist ein gefährlicher Ort.
Für mich liest sich das so, als ob der Autor Reinhard Mey politisch "in der Mitte" verortet, obwohl sich Mey nach eigener "Aussage" eher "links" sehen würde. Nun nimmt er an, wenn Parteien wie die A f D sich selber "in der Mitte" sehen und ihre Gedanken und Ideologie mit Texten von "linken" Künstlern in Einklang gebracht werden könnten, dann wären diese Künstler ja auch "Mitte" und man wäre somit ja quasi "auf der selben Seite".

Die (kranke und verdrehte) Logik dahinter wäre dann sozusagen:
Reinhard Mey hat ja schon damals gesungen, wie faul und verlogen die Politiker sind, und wir meinen das heute auch, und deshalb muss das ja stimmen, denn Reinhard Mey ist beliebt und wer die Lieder von Reinhard Mey mag, der kann ja nicht gegen uns sein.
Hier sehe ich wie Du, Viktor, einen Denkfehler, denn er nimmt Textstellen, die in einer bestimmten Zeit und mit einem ganz bestimmten Kontext geschrieben wurden, und transportiert sie in die Gegenwart, ohne eben diesen Kontext zu berücksichtigen. Es geht halt nicht, einfach so einen Satz aus irgendeinem Lied/Text zu nehmen und Jahrzehnte später genau diesen Satz als Beispiel/Beleg für irgendetwas herzunehmen, was heute geschieht.

Sehr viele Texte von Reinhard Mey müssen im Zusammenhang ihrer jeweiligen Entstehungszeit gesehen werden. Auch "Über den Wolken" kann heute im Zeichen von FridaysForFuture und Klimawandel durchaus mit anderen Augen gesehen werden wie zu der Zeit, als es geschrieben wurde. Es gibt bestimmt Menschen, die sich darüber aufregen, dass er singt "In den Pfützen schwimmt Benzin, schillernd wie ein Regenbogen" und ihm unterstellen, er würde damit den Einsatz von Verbrennungsmotoren romatisieren oder solche Sachen :weissnicht:

Natürlich kann man bei einzelnen Liedern/Texten Aussagen finden, die man gut findet und andere, an denen man sich reibt. Das gilt auch für andere Texte, z.B. Stellen aus der Bibel, die vor über 2000 Jahren geschrieben wurden und Regeln sowie Gebote und Verbote enthalten, die heute nicht mehr in unsere Gesellschaft passen. Wer natürlich meint, JEDES geschriebene Wort ist immer genau in dem Zusammenhang verfasst worden, den man selber gerade sieht, der kann sich damit auch JEDE Aussage zueigen machen oder sich davon distanzieren, je nachdem, wie es ihm gerade gefällt.

Reinhard Meys Werk ist so unendlich viel größer und kostbarer und sollte nicht in dieser Art und Weise aus dem Zusammenhang gesehen werden, denn wer sich mit den Liedern/Texten des Dichters beschäftigt, lernt sehr viel Persönliches vom Menschen Mey kennen und kann auch erkennen, wann ein Text mit einem Augenzwinkern geschrieben wurde und wo der eigentliche Kern/die eigentliche Botschaft liegt.
Viktor hat geschrieben:
Mo 16. Mär 2020, 10:20
Es war nicht meine Absicht, Reinhard 100% zu verteidigen
Das muss Dir nicht unangenehm sein ;-) verdient hat er es auf jeden Fall!

Ich habe dazu noch so viele Gedanken, werde aber erstmal in die Kommentare zum Artikel schauen...und mich vielleicht später noch einmal äußern.
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#4

Beitrag von Barde »

Kleiner Nachtrag zu meinem vorherigen Kommentar: Meine Schwester hat mich zusammengefaltet, weil ich selbst - ihrer Meinung nach undifferenziert - von "Der Linken" sprach. Dies ist zumindest ihr Gefühl. Bin ich also genauso dem Schwarz-Weiß-Denken verfallen?? Die Diskussion brach sie dann ab ... :roll: Die übrigen Aussagen meines Kommentars fand sie immerhin ok.

Meine Holde kritisierte mich auch vor einigen Monaten, weil ich mich selbst politisch in der "Mitte" verortet sehe.

Was schließe ich also aus der Diskussion um RMs alte Lieder und meinen Kategorisierungen, die ich an mir selbst aber auch anderen vornehme? Es muss alles immer sehr genau erklärt werden, der Kontext ist wichtig. Begrifflichkeiten, die benutzt werden, können blitzschnell negative Reaktionen und Assoziationen hervorrufen. Dazuhin sind schon sehr viele gesellschaftspolitische Begriffe regelrecht"emotional" verseucht und haben einen solchen Triggerfaktor, dass man sie besser gar nicht mehr benutzt.
Sehr viele Texte von Reinhard Mey müssen im Zusammenhang ihrer jeweiligen Entstehungszeit gesehen werden. Auch "Über den Wolken" kann heute im Zeichen von FridaysForFuture und Klimawandel durchaus mit anderen Augen gesehen werden wie zu der Zeit, als es geschrieben wurde. Es gibt bestimmt Menschen, die sich darüber aufregen, dass er singt "In den Pfützen schwimmt Benzin, schillernd wie ein Regenbogen" und ihm unterstellen, er würde damit den Einsatz von Verbrennungsmotoren romatisieren oder solche Sachen
Schönes Beispiel :super:

Nachdenkliche Grüße

Barde
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#5

Beitrag von migoe »

Lieber Barde,
Barde hat geschrieben:
Mo 16. Mär 2020, 16:32
Meine Holde kritisierte mich auch vor einigen Monaten, weil ich mich selbst politisch in der "Mitte" verortet sehe.
Naja, wie erklärst Du denn "die Mitte" für Dich? Siehst Du Dich dann quasi genau zwischen zwei Extremen - also zwischen links und rechts? Würde das dann bedeuten, dass Du damit ein bisschen links und ein bisschen rechts denkst? Und heißt das dann, dass jeder ein bisschen Recht hat, oder zumindest jede Seite/Einstellung/Denke ihre Berechtigung hat?

Die sogenannte Mitte ist noch nie richtig definiert gewesen und deshalb kann auch jede Seite für sich reklamieren die Mitte zu vertreten. Viele Menschen tun sich aber schwer damit, genau zu beschreiben, was für sie "Mitte" bedeutet, aber gleichzeitig hört es sich irgendwie angenehm an, wenn man sich selber keinem Extrem zuordnen muss. Wer ehrlich ist, muss aber für sich selber einsehen, dass jeder in die eine oder andere Richtung eine extreme (also nicht diskutierbare) Einstellungen hat, bin ich der Meinung.

Bei uns in Bayern fanden gestern ja die Kommunalwahlen statt. Meine Stimme bekamen verschiedene "Seiten" bzw. Personen, die für eine bestimmte "Seite" stehen. Ich persönlich wähle aber keine bestimmte Seite und erst Recht nicht extrem, sondern möchte von den Menschen, die Politik gestalten Antworten hören und Maßnahmen sehen, die ausgewogen sind und aus meiner Sicht "vernünftig".
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#6

Beitrag von Barde »

Lieber migoe,
Naja, wie erklärst Du denn "die Mitte" für Dich? Siehst Du Dich dann quasi genau zwischen zwei Extremen - also zwischen links und rechts? Würde das dann bedeuten, dass Du damit ein bisschen links und ein bisschen rechts denkst? Und heißt das dann, dass jeder ein bisschen Recht hat, oder zumindest jede Seite/Einstellung/Denke ihre Berechtigung hat?
Ganz grob gesagt: Ja, ich denke oft, dass eigentlich jede politische Ausrichtung, sofern sie nicht extrem radikal und menschenverachtend ist, Werte und Einstellungen vertritt, die zumindest bedenkenswert sind. Insofern hat jeder ein bisschen recht, ja durchaus. Schwierig ist es eben, tragfähige Kompromisse zu bilden. Demokratie bedeutet ständig im Clinch mit den anderen zu liegen und um die jeweiligen Wertvorstellungen zu streiten, um eine gemeinsame Basis für das gesellschaftliche Handeln zu finden. Bis vor einigen Jahren gelang das ja noch recht gut.
Die sogenannte Mitte ist noch nie richtig definiert gewesen und deshalb kann auch jede Seite für sich reklamieren die Mitte zu vertreten. Viele Menschen tun sich aber schwer damit, genau zu beschreiben, was für sie "Mitte" bedeutet, aber gleichzeitig hört es sich irgendwie angenehm an, wenn man sich selber keinem Extrem zuordnen muss. Wer ehrlich ist, muss aber für sich selber einsehen, dass jeder in die eine oder andere Richtung eine extreme (also nicht diskutierbare) Einstellungen hat, bin ich der Meinung.
Nun, ich kann ziemlich genau meine Definition der Mitte darlegen, aber dann müsste ich wohl hier einen 5- bis 6-seitigen Exkurs schreiben, weil jede politische Grundeinstellung im Grunde genommen ein Konglomerat ist. Es gäbe wohl eine richtige Tabelle mit vielen Punkten, zu der ich bei jeder Sache meine Einstellung darlegen müsste. Es ist (wie bei vielen anderen auch) eine "Datenwolke", eine "Punktmenge", um einen Begriff aus der Mathematik zu bemühen. Das heißt, dass es viele verschiedene politische und gesellschaftliche Vorstellungen gibt, die auch bei mir teilweise, aus dem Fadenkreuz der Mitte heraus, in einzelnen Punkten durchaus extreme Ausreißer zeigen können. Da habe ich dann durchaus auch manchmal dezidierte "extreme" Einstellungen zu gewissen Dingen. Aber die "Hauptwolke" meiner Einstellungen schwebt doch irgendwo bei mir in der Mitte des Kreuzes. Und ich bemühe mich stets, keinen dieser vielen Punkte als unverrückbar zu betrachten. Leider, leider erlebe ich es bei vielen Menschen, dass die eine politische Überzeugung oft unverrückbar mit anderen Überzeugungen verschmolzen wird (verschmolzen sein muss) Weil ich bei einem Punkt z.B. konservativ bin, muss ich unbedingt in anderen Punkten gleichfalls der konservativen Herde hinterherlaufen. Und in der Linken gilt dies natürlich gleichfalls. Und wenn ich doch in einer einzelnen Sache einer anderen Meinung bin, behalte ich es lieber für mich, um nicht meine Peergroup zu vergrätzen.

Und wenn sich meine Gruppe irrt und eine unangenehme Sache ausgesprochen werden muss, dann gilt der alte Spruch: "Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd"

Liebe Grüße - und: Bleibt gesund!!!
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#7

Beitrag von migoe »

Unter dem Titel "Die Selbstverständlichkeit der Macht" reagiert der Autor Boris T. Kaiser auf dem Portal Junge Freiheit auf den Artikel des Schriftstellers Michael Ebmeyr
Junge-Welt-Artikel-Kritik-an-Reinhard-Mey-Die-Selbstverständlichkeit-der-Macht.jpg
Die Selbstverständlichkeit der Macht – JUNGE FREIHEIT.pdf

Nun ist für mich persönlich die Junge Freiheit nicht unbedingt tägliches Lesefutter und deshalb ging es mir beim ersten "drüberlesen" auch so, dass ich das Gefühl hatte, hier würde jemand auf der Seite von Reinhard Mey sein, bzw. ihn vor irgendwelchen ungerechtfertigte Angriffen verteidigen wollen.
Dieter Nuhr, Jürgen von der Lippe, Harald Schmidt, Xavier Naidoo, Michel Houellebecq oder Batmans Joker – die Liste derer, die als Anhänger beziehungsweise Verbreiter und Wegbereiter reaktionär-konservativen respektive neurechten Gedankenguts gelten, ist vielseitig und wird praktisch täglich länger. Vor allem alte weiße Männer stehen hier quasi unter Generalverdacht.

Dies führt dazu, daß der Vorwurf immer häufiger auch Leute trifft, bei denen man als unbeteiligter Beobachter nicht so schnell darauf gekommen wäre und die es selbst wohl am allerwenigsten erwartet hätten. Es genügt bereits ein unbedachtes Wort über Feminismus, ein Gender-Gaga-Scherz im Karneval oder ein kritischer Satz über Greta Thunberg, schon gerät man in die Schußlinie der Grenzsoldaten des Sagbaren.

Neuster Betroffener oder besser Getroffener dieser rigorosen intellektuellen Grenzpolitik ist der Liedermacher Reinhard Mey. In dessen Werken sieht der Schriftsteller Michael Ebmeyer „erschreckend viele“ Ressentiments aus der Gedankenwelt der „Neuen Rechten“.
Ich finde es unangebracht, Reinhard Mey auf diese "Liste" mit potenziell zu unrecht als Anhänger beziehungsweise Verbreiter und Wegbereiter reaktionär-konservativen respektive neurechten Gedankenguts geltenden Menschen zu setzen. Was will uns der Autor Boris T. Kaiser damit vermitteln? Ist Reinhard Mey gleich zu setzen mit Xavier Naidoo oder dem Joker? Was verbindet Harald Schmidt und Michel Houellebecq, weil sie ebenfalls gemeinsam auf dieser vermeintlichen "Opferliste" (habe ich jetzt aus dramaturgischen Gründen so formuliert, findet sich aber nirgends in dem Text!) stehen?

Der Autor versucht den gleichen "Trick" wie vorher Michael Ebmeyer, aber von der anderen Seite her anzuwenden, nämlich den Künstler und sein Werk so zu interpretieren, dass Mey eher auf der aus seiner Sicht richtigen Seite steht. Auch hier wird wieder über die politische "Mitte" gesprochen:
Ebmeyers Mey-Kritik ist vor allem eine Kritik an der gesellschaftlichen Mitte. Diese ist für den kongenialen literarischen Partner von Bundesminister Heiko Maas nämlich „ein gefährlicher Ort“. Warum? Ganz einfach: „Wer in Deutschland die ‘Mitte der Gesellschaft’ für sich beansprucht, der will herrschen“, schreibt der Schriftsteller und macht damit zumindest eindeutig klar, wessen Geistes Kind und Kopfgeburt seine Zeilen sind.
Oberflächlich gelesen, könnte dieser Artikel als "Verteidigung" der Ehre eines Reinhard Mey angesehen werden, und vielleicht war das auch die Absicht - also, dass der Artikel so verstanden werden könnte. Genauer hingelesen hinterlässt der Text bei mir ein unangenehmes Bauchgrummeln.

Wie seht Ihr das? Wird der Autor dem Künstler gerecht, den er vor den sogenannten "Linksliberale Meinungsmachern" in Schutz nehmen möchte?
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Michael
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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#8

Beitrag von Michael »

Lieber Migoe,
die "Ehre" von Reinhard Mey zu verteidigen ist bestimmt nicht die Absicht, sondern ihn nach dem Zeit-Artikel (der ja weniger eine Kritik an RM ist als an der "Mitte") als Opfer einer herbeiphantasierten "politischen Korrektheit" für die Agenda dieses völkisch-rechtsextremen Blattes zu vereinnahmen. Für solche Verteidiger würde ich mich schön bedanken.

Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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Re: (zeit.de) Michael Ebmeyer - Reinhard Mey: Der bashende Barde

#9

Beitrag von Barde »

Oberflächlich gelesen, könnte dieser Artikel als "Verteidigung" der Ehre eines Reinhard Mey angesehen werden, und vielleicht war das auch die Absicht - also, dass der Artikel so verstanden werden könnte. Genauer hingelesen hinterlässt der Text bei mir ein unangenehmes Bauchgrummeln.

Wie seht Ihr das? Wird der Autor dem Künstler gerecht, den er vor den sogenannten "Linksliberale Meinungsmachern" in Schutz nehmen möchte?
Weder Ebmayer noch Kaiser haben ein wirkliches Interesse an der Meys Person und Texten. Er und sein Werk dienen doch den beiden nur als Spiegel für die eigene politische Reflexion und zur Zurschaustellung der jeweiligen politischen Agenda durch vermeintliche "Kritik" bzw. "Verteidigung".

Abgesehen davon schließe ich mich Michaels Stellung zu diesem Blatt an: Die "Junge Freiheit" verbreitet eloquent aufbereiteten, intellektuell verbrämten Rechtsextremismus.

Liebe Grüße

Barde
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