Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Reinhard Mey singt das Lied "Was in der Zeitung steht" mit Playback

Reinhard Friedrich Michael Mey (* 21. Dezember 1942 in Berlin) ist ein deutscher Musiker und seit Ende der 1960er Jahre einer der populärsten Vertreter der deutschen Liedermacher-Szene. Pseudonyme sind Frédérik Mey (in Frankreich), Alfons Yondraschek und Rainer May.
Quelle: Wikipedia mit Stand vom 20.06.2019 | Foto für Banner und Forum: Sven-Sebastian Sajak Deutsche Wikipedia
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Reinhard Mey (* 21. Dezember 1942 in Berlin) ist ein deutscher Musiker und ein Hauptvertreter der deutschen Liedermacher-Szene. Pseudonyme sind Frédérik Mey (in Frankreich), Alfons Yondraschek und Rainer May. Mey lebt seit 1977 in Berlin-Frohnau in zweiter Ehe mit seiner Frau Hella mit der er drei Kinder hat.
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Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von migoe

#1

Was 1983 meist nur Prominente und Politiker betraf, ist heute ein realer Albtraum für viele Menschen, die sich in den sozialen Medien tummeln.

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Reinhard Mey beschreibt in diesem Lied die Gefühlslage eines Menschen, der einen "Shitstorm" erlebt, weil etwas über ihn in der Zeitung steht, was aber nicht den Tatsachen entspricht. Besonders hart finde ich diesen Teil des Lieds:
Reinhard Mey hat geschrieben: ...
Das klebt wie Pech an dir, das wirst du nie mehr los, was in der Zeitung steht...
...
Du wirst nie mehr ganz frei. das hängt dir ewig an, was in der Zeitung steht....
...
Heute ist das Medium, über das es heißt, es vergisst nicht, das Internet und wer bei Twitter, Telegramm oder Facebook einen Shitstorm erlebt, dem geht es sicher genauso, wie in dem Lied beschrieben, wenn die Behauptungen über angebliche Skandale erfunden und erlogen sind.

Doch auch viele Zeitungen und Magazine sind sich nach wie vor nicht zu schade dafür, "ungenaue" Berichterstattung und die Verbreitung von "alternativen Fakten" zur Steigerung der Auflage zu betreiben.

Was es in den 1980er Jahren noch nicht gab, waren sogenannte "Faktenchecks", zumindest nicht in Form von öffentlich zugänglichen Webseiten (klar, weil es das Internet damals noch nicht gab). Dafür ist es heute relativ einfach, sich gegen Falschbehauptungen zur Wehr zu setzen oder über die sozialen Medienkanäle eine Gegendarstellung aktiv zu setzen.

Eines ist aber gleich geblieben: es bleibt immer etwas hängen!
Was in der Zeitung steht - "live 1984"

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Viktor
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Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von Viktor

#2

Hallo migoe und Mey-Forum,

Zum Lied:
Ach ja, Reinhards geschichtenerzählenden Lieder, die mit 'nem Mollakkord anfangen: Da bin ich meist von Anfang an begeistert.
So mag ich auch dieses Lied sehr.
Lange war mir nicht klar, was ich an diesem Titel speziell so toll finde, aber jetzt habe ich eine Idee:
Obwohl es keine Ich-Perspektive gibt (wie ja durchaus in vielen von Reinhards Liedern, auch nicht-autobiographischen), sondern immer von einem "Er" in der dritten Person gesprochen wird, ist die Erzählung ganz, ganz nah an der Figur dran, was so toll zur verzweifelten, verfolgten Stimmung passt.

Ich kanns sogar beweisen! ;-) Denn man denke z.B. an die deiktische Partikel "da" in "Der Mann im Kiosk da" -- die Erzählerstimme ist in Wahrheit nicht nah am Kiosk, sondern nur aus Sicht unseres Protagonisten ist der Kiosk direkt "da"!
Und natürlich sieht und empfindet man oft durch die Perspektive des Mannes - egal, ob es gar nicht explizit gesagt wird ("Das Zimmer ringsherum begann, sich zu drehen" [gemeint: so fühlte es sich für ihn an!]) oder eben doch ("Es traf ihn wie ein heimtückischer Schlag", "Ihm schien, die Blicke aller richteten sich nur auf ihn").
Außerdem gibt es weitere Einblicke in die konkreten Gedanken des Mannes und das geschieht in vielen Stellen des Songs per erlebte Rede, ein guter Kniff aus der Erzählerebene heraus doch nah an der Psyche der Figur zu sein. Beispiel: "Nein, er ging' doch wohl besser durch das Treppenhaus" -- Das sind die abwägenden Gedanken des Mannes und nicht der Erzählinstanz (man beachte das interjizierende "nein" als Indiz). Die Alternativen, direktes Gedankenzitat ("Er dachte sich: 'Nein, ich gehe doch wohl besser ...'") oder indirekte Rede ("Er dachte sich, dass er doch wohl besser ..."), würden weniger unmittelbar daherkommen!
Und der Clou ist dann natürlich, wenn solche Techniken erst einmal etabliert sind, dass bei manchen Passagen (bewusst) doppeldeutig bleibt, ob es nun die Gedanken der Figur oder des Erzählers sind, nämlich gerade bei den allgemeingültigen zentralen Fragen: "Wie ist es möglich, dass so etwas in der Zeitung steht?" usw.
Ich wage aber zu behaupten, bei der letzten Frage: "Aber Hand aufs Herz, wer liest, was so klein in der Zeitung steht?" spricht und überlegt dann aber nur noch der Erzähler, um die Moral der Geschichte zu betonen, und die Fokalisierung durch den Protagonisten hat uns verlassen -- er hat förmlich aufgegeben, vielleicht sogar schon zwei Zeilen zuvor, und der gute Mann hat die Gegendarstellung gar nicht mehr gelesen, weil sie auch nichts zur Sache tut.


Zum Auftritt:
Playback kann ich ja sehr wenig abgewinnen, eine kuriose Pest der 1980er. Aber hier muss man Reinhard lassen, dass er sehr synchron performt, Respekt!
(Interessanter YouTube-Kanal; kann man ruhig abonnieren, finde ich :pfeifen: )


Zur heutigen Bedeutung:
Ja, die Übertragung auf die neuen Medien liegt schon nah, wie du schon sagst, Migoe. Bei sehr vielen pseudojournalistischen Webseiten geht es eher ums Schnellsein und Irgendwas-Veröffentlichen als um Wahrheit, das ist echt frustrierend. Und etwa die Twitter-Welt kann mit ihrer soft power tatsächlich das echte Leben von Menschen negativ beeinflussen, auch wenn Verwechslung oder Unwahrheit zugrunde liegen.
Aber trotzdem habe ich irgendwie Bedenken, dass das Lied in seiner Bedeutung verzerrt heutzutage besonders "Lügenpresse"-Rufern gut gefällt, in die ich mich nicht einreihen möchte. Denn guten Journalismus gibt es durchaus und da wäre solch eine Verwechslung damals wie heute keine realistische Option.
Aber na ja, dagegen kann sich ein Lied wohl eben auch nicht wehren.


Viele Grüße
Viktor
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Skywise
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Aug 2021 12 16:09

Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von Skywise

#3

Viktor hat geschrieben: Do 12. Aug 2021, 15:37 Obwohl es keine Ich-Perspektive gibt (wie ja durchaus in vielen von Reinhards Liedern, auch nicht-autobiographischen), sondern immer von einem "Er" in der dritten Person gesprochen wird, ist die Erzählung ganz, ganz nah an der Figur dran, was so toll zur verzweifelten, verfolgten Stimmung passt.
Hm. Ja und nein. Ich glaube, die Diskussion zu dem Lied wurde schon zu einer früheren Lebenszeit geführt. Nicht nur ich war der Meinung, daß zwischen Strophe 4 und 5 (der letzten Strophe) ein krasser Bruch existiert. Die verfolgte Stimmung und auch die Figur des "Er" enden mit Strophe 4. Dem Erzähler obliegt es, die Stellungnahmen des Redakteurs und des Chefs vom Dienst zu kommunizieren und mehr oder weniger schulterzuckend zu kommentieren. Das respektlose Vokabular der Journaille-Vertreter wird nicht vom Drängenden, Nervösen von außen reflektiert, das sonst "Seine" Beobachungen und Handlungen ausgezeichnet. Wenn dann noch ein Halbsatz fällt wie "Aber ehrlich, man bringt sich doch nicht gleich um", kann man durchaus die Frage stellen, ob der Vorortzug "Ihm" mehr als nur vorübergehende Erlösung gebracht hat.

Gruß
Skywise
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Viktor
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Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von Viktor

#4

Ja, Skywise, mit dem Bruch zur letzten Strophe sind wir uns ja weitestgehend einig, auch wenn ich nur die letzten drei Zeilen als definitiven Cut angesetzt hatte. Das mit der radikaleren Vorortszug-Erlösung habe ich auch schon mal irgendwann in Erwägung gezogen, als wäre die letzte Strophe dann ein Gespräch mit einem Angehörigen, aber irgendwie letztlich doch immer (aus meinem zarten Gemüt heraus?) verworfen. Doch könnt' sein! Was meinen die anderen?
Gruß
V.
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Beitrag von migoe

#5

Lieber Skywise,
Skywise hat geschrieben: Do 12. Aug 2021, 16:09 Wenn dann noch ein Halbsatz fällt wie "Aber ehrlich, man bringt sich doch nicht gleich um", kann man durchaus die Frage stellen, ob der Vorortzug "Ihm" mehr als nur vorübergehende Erlösung gebracht hat.
auf diesen Gedanken war ich bisher noch nie gekommen, es ist aber eine denkbare Möglichkeit...

Lieber Viktor,
Viktor hat geschrieben: Do 12. Aug 2021, 15:37 Aber trotzdem habe ich irgendwie Bedenken, dass das Lied in seiner Bedeutung verzerrt heutzutage besonders "Lügenpresse"-Rufern gut gefällt, in die ich mich nicht einreihen möchte. Denn guten Journalismus gibt es durchaus und da wäre solch eine Verwechslung damals wie heute keine realistische Option.
Ich bin mir sehr sicher, dass Reinhard Mey durch dieses Lied vor allem eine bestimmte Art von "Journalismus" meint...
Jan Böhmermann hat mit diesem Journalismus in seinem ZDF Magazin Royale abgerechnet

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... und natürlich die "Zeitung mit den 4 Buchstaben" :pfeifen:
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Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von Petra

#6

Hallo Migoe,

für mich schon immer ein tolles Lied, das mir immer unter die Haut gegangen ist.
Das mit der radikaleren Vorortszug-Erlösung habe ich auch schon mal irgendwann in Erwägung gezogen, als wäre die letzte Strophe dann ein Gespräch mit einem Angehörigen, aber irgendwie letztlich doch immer (aus meinem zarten Gemüt heraus?) verworfen. Doch könnt' sein! Was meinen die anderen?
Danke an Skywise für diese Beschreibung der Lage. Für mich ist das schon immer die einzige schlüssige Interpretationsmöglichkeit, auch wenn der Gedanke für mein zartes Gemüt ebenfalls sehr beklemmend war, Viktor. Aber wie, bitteschön, hätte denn der Vorortszug sonst Erlösung bringen sollen?? Wie? Die Menschen auf dem Bahnsteig fahren mit, die Menschen im Vorort, wo er wohnt, haben auch die Zeitung gelesen. Die einzige Erlösung, die ich mir denken kann, ist die endgültige. Aber ich muss zugeben, dass ich - zu meiner großen Verwunderung - noch niemanden von dieser Sichtweise überzeugen konnte.

Viele Grüße von Petra
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Auftritt 1983 bei der ZDF Sendung "Na Sowas!"

Beitrag von Helmut

#7

Hallo zusammen

noch vor Reinhard Mey haben Heinrich Böll (Katharina Blum, 1974) und Günter Wallraff (Anti-Bild-Trilogie, 1977) das Thema behandelt. Für mich war das ein Grund keine "Bild" zu kaufen und ich hab es bis heute durchgehalten, auch wenn in den früheren Jahren im Urlaub bedeutende Dinge passierten und andere Zeitungen nicht zu haben waren. Aus familiären und beruflichen Gründen hab ich seinerzeit das Lied von Reinhard Mey nur am Rande wahrgenommen.
Um so mehr trifft es mich, wenn heute "Lügenpresse" skandiert wird, und das von Leuten, die den abstrusesten Verschwörungswahnsinn erfinden und verbreiten und zwar im Netz, wo es überhaupt kein Korrektiv gibt. Im Vergleich dazu ist jedes Boulevard-Schmierblatt eine seriöse Informationsquelle.

Gruß aus der Ecke der Republik, wo es nur eine Zeitung mit Regionalteil gibt, die zu abonnieren ich mich wegen ihrer politischen Grundhaltung weigere.

Helmut
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"Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen." Richard Dawkins

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