Götz Widmann live in Kiel 2022: Wunschkonzert, Flaschenklirren, Trauerbewältigung (kleiner persönlicher Bericht)

Götz Widmann spielte gestern Abend ein Konzert in der bestuhlten 'Pumpe' und bewies gutes Gefühl für die Stimmung im Saal.

Stell uns Deinen Lieblingskünstler vor, informiere uns über seine neue CD oder schreibe einen Konzertbericht. In diesem Forum kannst Du das tun, auch wenn es für Deine/n Liedermacher/in (noch) kein eigenes Forum gibt.

Beschreibung © by migoe | Foto © by Pixabay.com
Benutzeravatar
Viktor hat dieses Thema gestartet
Beiträge: 674
Registriert: Do 28. Apr 2005, 16:15
Hat sich bedankt: 40 Mal
Danksagung erhalten: 49 Mal
Kontaktdaten:
Feb 2022 05 14:27

Götz Widmann live in Kiel 2022: Wunschkonzert, Flaschenklirren, Trauerbewältigung (kleiner persönlicher Bericht)

Beitrag von Viktor

#1

Liebes Forum,

gestern war ich bei meinem ersten Konzert 2022: Götz Widmann in der Kieler Pumpe.
Ich glaube, es gibt hier nicht viele Widmann-„Fans“ (Petra?), aber das Konzert war so eigenartig, dass ich einen kleinen oberflächlichen Bericht schreiben will.

Sonst spielt Götz jedes Jahr im Januar/Februar in der ausverkauften Pumpe ein Stehkonzert. Diesmal war auf Bestuhlung umgestellt und nicht einmal bei dieser reduzierten Kapazität wurde jeder Platz gefüllt; ich konnte es kaum glauben. Mit dem Ticketsverkaufen scheint es wirklich schlecht zu laufen, wie Götz im Dezember in einem Facebook-Beitrag aber ja auch eingestand.

Ich traue es mich gar nicht zu sagen, aber ich war ganz froh über Sitzplätze und erhoffte mir endlich mal wieder ein aufmerksames Liedermacher-Publikum (ca. 20 Götz-Konzerte seit 2004 besucht und es wird jedes Mal schlimmer mit der Aufmerksamkeit, jammere ich immer rum). Aber wieder Fehlanzeige. Es ist kaum zu beschreiben, wie laut der Pegel der konstanten privaten Hintergrundgespräche war.
Und wenn es nicht das war, dann wurde unnötig reingerufen oder kommentiert. Klar, bei Götz ist der Abend immer interaktiv, aber es war wirklich bizarr nervig. Da wird beispielsweise Die Fliege angesagt und eine Frau ruft über die ersten Akkorde einfach nur: „Uuuuuuui, jeder mag Fliegen.“ Äh, was? Erstens stimmt das nicht und zweitens müsste, selbst wenn, das zu diesem Zeitpunkt nicht erwähnt werden. Was beflügelt einen dazu, sich auf diese Weise einzubringen?

Aber das kann ich alles nicht ändern, vielleicht bin ich sowieso zu spießig!

Das Konzert an sich:
Bild

Es gibt keinen Support, kurz nach der Tagesschau begrüßt Götz das Publikum, erklärt, dass man auch mit Masken mitsingen kann, und bemerkt zur dezimierten Publikumszahl: „Ich persönlich mag das eh am liebsten bei Partys, wenn nur noch der harte Kern übrig ist - und das kann man heute wirklich sagen.“

Das neueste Album ist gar nicht mehr so neu – und so scheint es wie so oft gar kein festes Programm zu geben oder Songs, die unbedingt drankommen sollten. An zweiter Stelle erklingt Heute mach‘ ich einen drauf und das kräftige Unter-der-Maske-Sing-Potenzial wird direkt bewiesen. Und wenn in Die zarte Artischocke traditionell das Publikum die Endzeilen lautstark wiederholt, kommentiert der Sänger sichtlich zufrieden über das echte Konzert: „Ja, das kann man im Livestream halt vergessen, oder?“

Götz, der sonst auch manches Mal gerne lange Ansagen und Geschichten zu seinen Liedern loswird, gibt an diesem Abend eigentlich nur einen einzigen längeren Redebeitrag, nämlich wenn er über die angekündigte Cannabis-Legalisierung spricht, das Thema, das ihn seine ganze Karriere bewegt. Oder scherzhaft anders gesagt: „Mir ist klargeworden, dass ich ungefähr die Hälfte meiner Lieder wegschmeißen kann.“ Ausgerechnet die FDP habe in einem Pamphlet die Pro-Legalisierungs-Argumente aus seinem Song Die Zaubersteuer 1:1 in der exakten Reihenfolge abgedruckt. Tja und das Lied? „Noch ist es ein Protestlied - ich hoffe, dass es im Laufe dieses Jahres zu einem historischen, nostalgischen Protestlied wird.“

Bei Bier in der Tsttur hat der Künstler in der ersten Strophe direkt einen Texthänger und bricht ab, eine Alternative muss her: „Hat jemand einen Wunsch?“ Da wird Politiker beim Ficken reingerufen. Ich wage zu behaupten, dass es ohnehin noch gekommen wäre, aber gut, eines, das er im Schlaf auswendig kann, ist wohl genau das richtige in dem Moment. „Denk dir [---] – hör ihn stöhnen, hör ihn schrein: Also mir fällt jedenfalls kein bessres Wort als ‚ficken‘ ein.“ Welcher Politiker hat es diesmal an die berühmte Stelle geschafft? Friedrich Merz.
Das zuvor abgebrochene Lied wird danach nahtlos weitergespielt. Ein wahrer Profi.


In der zweiten Konzerthälfte, nachdem Götz selbst – wie früher – von der Bühne herab CDs und Shirts verkauft hat, gibt es ganze zehn Lieder lang keine weitere Zwischenmoderation. Die Lieder scheinen für sich zu sprechen. Darunter sind hauptsächlich Hits, aber auch etwa ‘ne Frau, die sich mich leisten kann, das ich noch nicht so häufig live gehört habe.

Und in den Zugaben werden dann traditionell Wünsche erfragt. Es gibt u.a. Den Hals rumdrehn auf meine persönliche Bitte („Lange nicht mehr gemacht; das nehme ich jetzt als persönliche Herausforderung an, okay?“) und Hingabe und Dieter hat man gern als Mieter und Das Kornfeld und der Wind.

Als man spürt, dass ein allerletzter Song anstehen müsste und Götz die richtigen Verabschiedungsworte sucht, kommt eine Frau nach vorn und redet leise über ein persönliches Anliegen: Ihr Mann – seinerzeit machte er einen Heiratsantrag beim Widmann-Konzert auf der Bühne; das Kieler Publikum erinnert sich – sei mittlerweile verstorben. Uff, Stimmungskiller, aber ja auch ein berührender, verletzlicher Moment zwischen Publikumsmitglied und Künstler. Sie hätte gern, dass er noch das eine Lied spiele, das die beiden einst verband. Wer würde da nein sagen; Götz ist ganz Ohr für den Wunsch. „Das Kornfeld und der Wind“. Das Publikum ist baff, denn vor nicht einmal 3 Minuten ist das Lied erst vorbei, längst gespielt. Götz gibt sich einfühlsam, aber will nun nicht gerade ein Lied am Abend doppelt vortragen. „Wünsch dir doch ein anderes Lied!“ ruft jemand aus dem Publikum. Götz wäre dabei, zweiter Wunsch: „Die zwei Trauben“. Was soll man sagen? Auch das kam schon, und zwar in der ersten Hälfte. Wie kommt man da noch zu einem versöhnlichen Abschluss? Es passiert das Undenkbare: „Ist wirklich 'ne ganz große Ausnahme – nicht, dass ihr jetzt alle auf die Idee kommt…“ Das Abschlusslied wird tatsächlich Das Kornfeld und der Wind zum zweiten Mal, von vorne bis hinten.
Der letzte Akkord verklingt, Götz legt die Gitarre beiseite: „Boah, jetzt ist aber gut. An der Stelle..... Da darf jetzt nichts mehr kommen. Gute Nacht.“

Habt ihr schonmal eine derartige Situation erlebt, dass eine Interaktion mit dem Publikum die Stimmung seltsam verändert hat?
Oder schon einmal bei einem Konzert erlebt, dass ein Lied doppelt gespielt wurde aus irgendeinem Grund?

Mir wird der Abend jedenfalls in Erinnerung bleiben. Aber ob ich 2023 wieder dabei bin, muss ich mir gut überlegen, denn was das Hintergrundgelaber angeht, werde ich immer verbissener oder das Publikum immer schlimmer, wahrscheinlich beides.

Liebe Grüße
Viktor
Dieser Beitrag enthält 1056 Wörter


...

  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Liedermacher allgemein“